Endspurt für SALTO – ein Zwischenresümee der Adipositas-Präventionsinitiative im Setting Kindergarten

SALTO, eine theoriegeleitete Initiative zur Prävention von Adipositas im Kindesalter, wird seit zwei Jahren im Bundesland Salzburg umgesetzt. Hintergrund ist die bereits hohe Prävalenz von Übergewicht und Adipositas im Vorschulalter und das damit assoziierte Risiko für Folgeerkrankungen am späteren Lebensweg. SALTO arbeitet ressourcenorientiert und fokussiert insbesondere auf die Lebenswelten Kindergarten und Familie.

Verena Aistleitner3, Thomas Freudenthaler1,3, Gertrude Horvath1,3, Julia Stallinger1,3, Daniel Weghuber2,3, Susanne Ring-Dimitriou1,3

 

Seit mehr als zwei Jahren wird das Projekt SALTO – Salzburg together against obesity – in dreizehn Kindergärten Salzburgs umgesetzt. Mit September startet die Initiative in ihr vorerst letztes Umsetzungsjahr. Zeit, in einem Zwischenresümee Bilanz zu ziehen – über die vergangenen Aktivitäten, neuen Erkenntnisse und was für die Zukunft noch zu tun ist.

Warum SALTO

Bereits jede/r zweite Erwachsene in Österreich ist von Übergewicht und Adipositas betroffen (Statistik Austria, 2015). Davon werden ca. 18 Prozent als krankhaft übergewichtig (adipös, BMI ≥30 kg/m²) klassifiziert. Betrachtet man die Zahlen von Kindern im Alter von vier bis sechs Jahren, also im Kindergarten, so zeigt sich, dass (je nach Klassifizierungsmethode) bereits 9–10 Prozent der Buben und 11–12 Prozent der Mädchen übergewichtig und weitere 3–10 bzw. 3–8 Prozent adipös sind (Mayer et al., 2014).

Auch die erste Pilotuntersuchung von SALTO bestätigt diesen Trend: Von 191 untersuchten Kindern im Alter von 3–6 Jahren in zehn Kindergärten der Stadt Salzburg hatte im Jahr 2014 bereits rund ein Viertel der Kinder ein über der Norm liegendes Körpergewicht (Ring-Dimitriou et al., 2015). Dieses Ausmaß deckt sich auch mit europäischen Prävalenzen, die aktuell zwischen 12 Prozent in Rumänien und 32 Prozent in Spanien liegen (Caroli & Vania, 2015). Man geht davon aus, dass ohne frühzeitige Intervention 91 Prozent der übergewichtigen fünfjährigen Mädchen und 70 Prozent der Jungen im Alter von neun Jahren krankhaft übergewichtig sind.

Vor diesem Hintergrund und den geringen Erfolgen, die durch Therapien erzielt werden können, hat sich das Forschungsteam Susanne Ring-Dimitriou und Daniel Weghuber (Obesity Academy Austria) 2013 dazu entschieden, ein theoriegeleitetes Interventionsprojekt zu initiieren.

SALTO im Überblick

„Gemeinsam viel bewegen" ist das Motto von SALTO, wobei ausgehend vom Lebensraum Kindergarten alle relevanten Personen im Umfeld eines heranwachsenden Kindes miteinbezogen werden. Konkret richtet sich das Projekt in einem ersten Schritt an die Pädagoginnen und Pädagogen, die Eltern und Kinder. Zur Unterstützung der angepeilten Verhaltensänderungen und der Sicherung der Nachhaltigkeit werden in einem zweiten Schritt auf der Verhältnisebene alle Maßnahmen in den infrastrukturellen und sozialpolitischen Rahmen der Gemeinde eingebettet. Das heißt, es werden vom Kindergarten ausgehend Interaktionen mit politischen Sektoren wie Bildung, Umwelt, Sport und Verkehr angeregt. Sowohl bei der Konzeption als auch in der Umsetzung wird ein multi-disziplinärer und multi-methodaler Zugang verfolgt, um dem komplexen Prozess der Entstehung von Adipositas gerecht zu werden. So steht SALTO mit Expertinnen und Experten unterschiedlichster Disziplinen in regelmäßigem Austausch, zum Beispiel im Rahmen des Elementarpädagogik-ExpertInnenclubs oder des jährlich stattfindenden Stakeholderdialogs. Daraus entstanden zwei zentrale Interventionsmaßnahmen, die im Setting Kindergarten für 2–3 Jahre partizipativ und maßgeschneidert durchgeführt werden.

„Ressourcen stärken, Barrieren minimieren“ – Modul für das Kindergartenteam

Nach einer Einführungsphase, die das Kindergartenteam an die sechs SALTO-Halbjahresthemen „Sitzen und Alltagsaktivitäten“, „Portionsgröße und Gemüse“, „Motorische Fertigkeiten und Familienaktivitäten“, „Wasser und Kinderlebensmittel“, „Screentime und Sportarten“ und „Naschereien und besondere Situationen“ heranführt, werden nach und nach Maßnahmen gemeinsam mit dem Kindergarten umgesetzt. Ziel ist es, die Kompetenzen der Pädagoginnen/Pädagogen zu stärken, um die gemeinsam nach Dringlichkeit identifizierten Themen in den Kindergarten-Alltag zu integrieren und das Kindergartenteam mithilfe von Coachings, Musterübungen sowie didaktischem Material bei der Umsetzung von Maßnahmen zu unterstützen.

„Eltern für Eltern“ – Modul für Eltern

Pro Kindergarten stehen sogenannte Eltern-Peers als Sprachrohr zwischen Eltern, Pädagoginnen und SALTO zur Verfügung. Sie sind für die Eltern die ersten Ansprechpartner in Sachen Bewegung und Ernährung. Des Weiteren organisieren sie Peer-Aktivitäten, zu deren Teilnahme alle Eltern des Kindergartens eingeladen sind. Ebenso organisiert das Projekt-Team sogenannte „Take-Home-Activities“, welche auch Eltern mit weniger Zeit die Gelegenheit geben, Aktivitäten zu den Halbjahresthemen gemeinsam mit der Familie auszuprobieren und in den Alltag zu integrieren.

Jedem Kindergartenteam steht frei, in welcher Reihenfolge die Halbjahresthemen absolviert werden. Dieser Entscheidungsprozess wird durch einen 8-stündigen Workshop im Anschluss an die Einstiegsphase angestoßen und durch halbjährliche Planungsgespräche angeleitet. In diesen partizipativen Prozess werden auch die Eltern einbezogen. Schrittweise werden so die beiden Module zusammengeführt und in den Alltag des Kindergartens integriert, um die Nachhaltigkeit des Projektes zu fördern. Unterstützt werden die Module vom Kommunikationsansatz des Social Norms Marketing (Borys et al., 2012). Dieser Ansatz geht von der Annahme aus, dass das Verhalten von Personen maßgeblich davon abhängt, was sie als normal oder typisch annehmen. Mithilfe von Marketing-Tools wird versucht, einen gesunden Lebensstil als das „Normale“ und damit Erstrebenswerte zu positionieren.

Ausgewählte Aspekte

Blickt man auf die vergangene Projektzeit zurück, so haben die teilnehmenden Kindergärten die gemeinsam definierten Maßnahmen hoch motiviert umgesetzt. Von SALTO wurden die Kindergärten dabei ca. 3–4 Mal pro Jahr besucht, um die Kindergärten bestmöglich durch unterschiedliche Aktivitäten (Elternabende, Stehcafés, Coachinggespräche etc.) zu unterstützen. Zieht man zum aktuellen Zeitpunkt – ein Jahr vor Projektende – Bilanz, so kristallisieren sich dabei für die Gesundheitsförderung im Kindergartenalltag drei Aspekte heraus, die Kernelemente von SALTO darstellen: Kompetenzen stärken, Vernetzung forcieren und Evaluierung etablieren.

Kompetenzen stärken

Bereits zu Beginn des Projektes war klar, dass die Stärkung der Kompetenzen von pädagogischem Personal und Eltern einen zentralen Stellenwert bei SALTO einnehmen wird. Um nachhaltige Veränderungen anzustoßen, ist es wichtig, dass Maßnahmen über eine reine „Servicierung“ hinausgehen, und Elementarpädagoginnen/-pädagogen bei der Aneignung von Sach- und Methodenkompetenz unterstützt werden, gesundheitsfördernde Maßnahmen im eigenen Kontext bedürfnisorientiert und partizipativ zu entwickeln und umzusetzen.

Beispielsweise wurden vor dem Hintergrund der Halbjahresthemen und der Dringlichkeit der Bedürfnisse Coaching-Angebote sowohl für das Kindergartenteam, als auch für die Eltern entwickelt, um zum Beispiel das „Helfen und Sichern“ (im Rahmen des Berg- und Sportkletterns, Anm. d. Red.) zur Förderung motorischer Fertigkeiten zu erlernen. Das Angebot wurde vom SALTO-Team in Kooperation mit Partnern wie „Mut tut gut“ und „MOTA“ durchgeführt. Auf Anregung der Eltern wurden im vergangenen Jahr auch eine „Brot-Back-Box“ und eine „Kletterbox“ entwickelt. Ziel dabei ist, den Eltern erste Anregungen zu einem Thema zu geben, um den Kindern anschließend im Alltag eine Vielfalt an Bewegungs- und Ernährungsmöglichkeiten anzubieten zu können. Des Weiteren wurden viele, oft niederschwellige Maßnahmen (Fact-Sheets, Take-Home-Activities, Handbücher, Kalender u.ä.m.) gesetzt, um Neues auszuprobieren und in den eigenen Alltag zu integrieren.

Eine Prozessevaluierung mit den teilnehmenden Kindergärten im Februar 2017, durchgeführt von der Fachhochschule Urstein unter der Leitung von Dr.in Maria Maislinger-Parzer (unveröff. 2017), gibt erste Eindrücke von Umsetzungsqualität, Wirkung und Hürden (s. Tab. 1 und 2). Zusammenfassend kann gesagt werden, dass viele der Maßnahmen positiv aufgenommen wurden und bereits vor Projektende von den Pädagoginnen subjektiv wahrgenommene Veränderungen erzielt werden konnten. Darüber hinaus wird festgestellt, dass im Kindergarten bisher Projekte vorherrschten, die einen klassischen „Servicecharakter“ aufweisen, weshalb SALTO zunächst als „gewöhnungsbedürftig“ (siehe Tab. 2, Punkt 5) bezeichnet wird. Gelingt das „Einlassen“ auf SALTO seitens des Kindergartenteams, zeigt sich zusätzlich, dass das in der Öffentlichkeit negativ und z. T. tabuisierte Thema Adipositas – sowohl für das Team als auch für die Eltern – zunehmend weniger abschreckend wirkt und Verständnis für das Thema entwickelt wird.

Vernetzung forcieren

Ebenso seit Beginn forciert SALTO intensiv die Vernetzung, um dem multidimensionalen Entstehungsgefüge der Adipositas angemessen begegnen zu können. Vernetzung meint dabei dreierlei:

  • Vernetzung unter dem pädagogischen Personal und Stärkung der Erziehungs- und Bildungspartnerschaft mit den Eltern,
  • Vernetzung mit und unter den Stakeholdern im Sinne von „health in all policies“ und
  • Vernetzung mit erfolgreichen Modellen aus anderen Regionen.

Jährlich findet daher beispielsweise das SALTO-Austauschtreffen statt. Eingeladen sind teilnehmende SALTO-Kindergärten, interessierte Pädagoginnen/Pädagogen und Schülerinnen der BAfEP mit dem Ziel, das Thema Adipositasprävention im Kindergarten zu diskutieren, sich dabei auszutauschen und voneinander zu lernen.

Durch Verbindung bestehender Initiativen ist es außerdem möglich, Synergien zu nutzen wie es SALTO zum Beispiel durch die Kooperation mit „Kinder gesund bewegen“ gelang. Im vergangenen Jahr hat SALTO gemeinsam mit den drei Salzburger Dachverbänden ASKÖ, ASVÖ und Sportunion intensiv an einem gemeinsamen Konzept zur Förderung motorischer Fertigkeiten im Kindergarten gearbeitet. Dabei floss das Know-How aller Beteiligten in ein Pilotprojekt, das in drei SALTO-Kindergärten mit dem Ziel, die sportfachliche Kompetenz der Pädagoginnen zu stärken und gleichzeitig eine Entlastung darzustellen, umgesetzt wurde. Aktuell wird das Konzept weiterentwickelt, damit es in einen laufenden Betrieb übergeführt werden kann.

Bereits zwei Mal konnte SALTO außerdem wieder zahlreiche Akteurinnen und Akteure beim SALTO-Stakeholderdialog vereinen, um die Möglichkeiten einer lebendigen Partnerschaft in Bezug auf Adipositasprävention zu diskutieren. In den beiden Jahren folgten jeweils rund 40 Personen der Einladung, viele Ideen wurden entwickelt, Inspiration gesammelt und neue Kontakte geknüpft. Ebenso steht SALTO, unter anderem als Mitglied von EPODE (European Prevenons l‘Obésité Des Enfants) im Austausch mit anderen gemeindebasierten Projekten in Europa und darüber hinaus.

Es zeigt sich, dass SALTO in der Lage ist, Kommunikation und Vernetzung insbesondere innerhalb der pädagogischen Teams, den SALTO-Kindergärten und zu den Eltern zu schaffen. Auf Gemeindeebene vermittelt SALTO spezifische Ansprechpersonen, was von Eltern und Pädagoginnen gleichermaßen geschätzt wird (siehe Tabelle 1, Punkt 4). Eine intensive Vernetzung des Kindergartens mit dessen Umwelt und der vielfältig einflussnehmenden Gesellschaftsbereiche steckt jedoch noch in den Kinderschuhen und ist daher auch eine zentrale Aufgabe für die Zukunft (siehe Tabelle 2, Punkt 7).

Evaluierung etablieren

Die Durchführung eines Praxisprojektes durch eine Universität ist in Österreich eher ungewöhnlich. Erfolgreiche Beispiele in Europa, zum Beispiel EPODE in Frankreich (Borys et al., 2012), konnten jedoch zeigen, dass Praxisprojekte mit wissenschaftlicher Begleitung als zentraler Bestandteil die Zahl adipöser Kinder innerhalb von zehn Jahren halbieren können. Ein Motto von SALTO lautet daher „Keine Praxis ohne Evidenzen und keine Theoriebildung ohne Praxis“.

Abbildung 3 zeigt beispielhaft die Entwicklung der „SALTO-Eingangsphase neu“ im Projektzyklus. Dies zeigt, dass eine Wechselwirkung von Theorie, Praxis und Evidenz ein sehr schnelles Reagieren auf die Bedürfnisse der Projektbeteiligten aller Seiten ermöglicht. Die in jedem Projekt vorkommenden „Durststrecken“ können so leichter überwunden werden, ohne über die Gründe dafür im Dunklen tappen zu müssen. Ebenso ermöglicht die Evaluierung das Erkennen von Wirkungszusammenhängen und kann so zur Identifizierung der erfolgversprechendsten Maßnahmen führen.

Gleichzeitig muss festgehalten werden, dass der wissenschaftlichen Begleitforschung sowohl von den Pädagoginnen als auch den Eltern mit großer Skepsis begegnet wird. Die Kritik, das Projekt sei „zu wissenschaftlich“ oder die wissenschaftliche Evaluierung aufwändig (siehe Tab. 2, Punkt 6), wurde dabei des Öfteren geübt. Wiewohl sich das SALTO-Team in der Umsetzung um einfache Sprache und klare Strukturen bemüht, zeigt dies auch, dass in der Bevölkerung mehr Bewusstsein für die wissenschaftliche Begleitforschung geschaffen werden muss, um qualitativ hochwertige Projekte umsetzen zu können.

Für die Zukunft

Die Prävention von Adipositas bereits im Kindergartenalter ist und bleibt ein Gebot der Stunde! Je früher Eltern, Betreuungspersonal und im Endeffekt die Kinder erreicht werden, umso wahrscheinlicher kann eine Trendwende in der Anzahl adipöser Jugendlicher und Erwachsener vollzogen werden. Zum jetzigen Zeitpunkt, ein Jahr vor Projektende für SALTO, scheinen drei Aspekte für eine erfolgreiche Prävention der Adipositas von zentraler Bedeutung:

  • Kompetenzen stärken,
  • Vernetzung forcieren und
  • Evaluierung etablieren.

Darauf wird SALTO sein Augenmerk im kommenden Jahr, aber auch darüber hinaus, legen. Diskutieren Sie mit uns beim SALTO-Symposium „PRÄVENTION DER ADIPOSITAS IM VORSCHULALTER“ von 26. – 28.9.2018 im Schloss Rif darüber, welche Strategien langfristig Erfolg haben können. Weitere Informationen unter www.salto-salzburg.at.

 

Referenzen:

Borys, J-M et al. “EPODE Approach for Childhood Obesity Prevention: Methods, Progress and International Development.” Obesity Reviews 13.4 (2012): 299–315. PMC. Web. 26 July 2017.

Caroli, M., & Vania, A. (2015). Hysterie oder Ruf in die Wüste – Epidemiologie von Adpositas bei Kindern in Europa. In Ardelt-Gattinger, E., Ring-Dimitriou, S., & Weghuber, D. (Hrsg.). Der gesunde Adipöse. Das Kontinuum zwischen gesunder und kranker Adipositas (S. 21-30), Bern: Hans Huber Verlag.

Maislinger-Parzer, M. (2017). Evaluation: SALTO – Salzburg together against Obesity. Ergebnispunktation des Gruppeninterviews, unveröff.

Mayer, M., Gleiss, A., ...and Bluemel, P. (2014). Weight and body mass index (BMI): current data for Austrian boys and girls aged 4 to under 19 years. Ann. Hum. Biol., Early Online: 1–11.

Ring-Dimitriou, S., Freudenthaler, T., Aistleitner, V., Blechert, J., Weghuber, D. & Ardelt-Gattinger, E. (2015). Basisdatenerhebung zum Projekt „Adipositasprävention im Kindergarten“ - SALTO (Salzburg Together Against Obesity) – Gemeinsam viel bewegen. Unveröff. Bericht für das Land Salzburg (Referat 2/04). Salzburg: SALTO und Universität Salzburg.

Statistik Austria (2015). Österreichische Gesundheitsbefragung 2014. Wien: Statistik Austria.

 

Korrespondenz:

Assoz. Prof. DDr. Susanne Ring-Dimitriou

SALTO, Schlossallee 49, A-5400 Hallein/Rif

e-mail: office@salto-salzburg.at

Originalarbeit