Calciumempfehlungen für Kinder – zu hoch angesetzt?

Neue Studien zeigen keine Evidenz für die Höhe der gängigen Empfehlungen für die Calciumzufuhr bei Jugendlichen. Offenbar reicht die in Mitteleuropa übliche – unter den Empfehlungen liegende – Calciumzufuhr bei Kindern und Jugendlichen aus.

Calcium ist ein essentieller Nährstoff, der im Körper für zahlreiche physiologische Prozesse benötigt wird. Außerdem ist es ein wichtiges Strukturelement für unser Skelett. Wichtige Lieferanten für Calcium sind Milchprodukte. Sie haben eine hohe Nährstoffdichte und sind neben Calcium auch reich an Eiweiß, Phosphor und essentiellen Mineralstoffen und Vitaminen. Von den Ernährungsgesellschaften (ÖGE, DGE, SGE) werden konkrete Empfehlungen für die Calciumzufuhr im Kindes- und Jugendalter formuliert: 750mg/d für 4- bis 7-Jährige, 900mg/d für 7- bis 10-Jährige, 1100mg/d für 10- bis 13-Jährige und 1200mg/d für 13- bis 19-Jährige. Klinische Studien, die diese Zahlen unterstützen, fehlen jedoch. Aus dem österreichischen Ernährungsbericht 2012 geht hervor, dass die tatsächliche Calciumaufnahme der Schulkinder von 7 bis 14 Jahren „weit unter den Empfehlungen“ liegt: durchschnittlich 717mg/d bei Mädchen und 797mg/d bei Buben zwischen 7 bis 14 Jahren.

Aktuelle Studien

Kürzlich sind zwei Studien im American Journal of Clinical Nutrition erschienen, die der Frage nachgehen, inwieweit die Calciumzufuhr im Jugendalter mit der Entstehung von Übergewicht korreliert, und ob eine hohe Calciumzufuhr die Knochendichte günstig zu beeinflussen vermag.

Die Studie von Lappe et al. untersuchte die Effekte von Milchprodukten auf das Körpergewicht bei jugendlichen Mädchen. Die Studienpopulation waren 274 13- bis 14-jährige Mädchen. Die tägliche Calciumaufnahme lag zu Beginn unter 600mg/d. Über 12 Monate lang wurde dann durch die Erhöhung der Aufnahme von Milch und Milchprodukten die Calciumaufnahme in der Interventionsgruppe auf 1200mg/d (lt. den Empfehlungen) erhöht. In der Interventionsgruppe lag die Calciumaufnahme im Durchschnitt bei 1518mg/d, in der Kontrollgruppe hingegen bei 752mg/d. In den beiden Gruppen zeigten sich allerdings keine Unterschiede hinsichtlich der Zunahme von Gewicht und Körperfett. Somit liegt keine Evidenz vor, dass eine sehr hohe Zufuhr von Milch und Milchprodukten zu einem Anstieg von Körpergewicht und Körperfett führt, allerdings stellt sich die Frage, ob diese überhaupt sinnvoll ist.

Die zweite Studie von Vogel et al. ist eine Studie an normal- und übergewichtigen Kindern zwischen 8 und 16 Jahren. Für sie wurde zu Beginn eine Calciumaufnahme von unter 800mg/d berechnet. Während 18 Monaten wurde die Aufnahme von Milchprodukten auf 3 Portionen pro Tag mit jeweils 300mg Calcium erhöht. In der Interventionsgruppe ergab sich dadurch eine Calciumaufnahme von durchschnittlich 1500mg/d und in der Kontrollgruppe von ca. 1000mg/d. Es zeigte sich allerdings kein Effekt auf Knochendichte und Körperzusammensetzung. Und es wurde die Schlussfolgerung gezogen, dass bei 8- bis 16-Jährigen 2 Portionen Milch bzw. Milchprodukte pro Tag ausreichend wären, um eine optimale Knochendichte zu erzielen. Somit stellt sich neuerlich die Frage, ob die Empfehlungen für die Calciumzufuhr für Jugendliche nicht zu hoch und außerdem unrealistisch sind? Die Knochendichte nimmt mit dem Alter zu und ist je nach Geschlecht, Alter und Entwicklung des Kindes sehr unterschiedlich. Es ist daher vor allem im Wachstumsalter problematisch, eine „allgemeine Empfehlung“ für die tägliche Calciumzufuhr zu formulieren.

Frühere Hinweise

Bereits 2001 wurde eine Arbeit von Widhalm et al veröffentlicht, die den Benefit der empfohlenen hohen Calciummengen in Frage gestellt hat. Vor allem eine Empfehlung von 1100mg/d für Über-10-Jährige und 1200mg/d für Über-13-Jährige erscheint besonders hoch und es stellt sich auch die Frage, ob eine derart hohe Tagesempfehlung über die übliche Ernährung überhaupt erreicht werden kann. Bestehende Daten aus Österreich haben damals gezeigt, dass 15- bis 19-Jährige im Durchschnitt 743mg/d an Calcium aufnehmen, 7- bis 9-Jährige ca. 770mg/d, 10- bis 12-Jährige durchschnittlich 747 mg/d und 13- bis 14-Jährige ca. 726 mg/d. Da bei Kindern und Jugendlichen die empfohlenen Calciummengen größtenteils nicht erreichbar sind und nur mit Supplementen erzielt werden können, stellte sich damals schon die Frage, ob die Empfehlungen nicht zu hoch angesetzt sind.

Conclusio

Für die von zahlreichen Fachgesellschaften herausgegebene Empfehlung für eine Calciumzufuhr in der Größenordnung von 1,1 bis 1,2g pro Tag für 10- bis 19-Jährige gibt es keine Evidenz. Um eine optimale Knochengesundheit im Kindes- und Jugendalter zu erreichen, reicht offensichtlich die in Mitteleuropa übliche Calciumzufuhr von 700 bis 800mg pro Tag aus. Daten aus Ernährungserhebungen, die zeigen, dass die Versorgung bei Kindern und Jugendlichen weit unter den Empfehlungen liegt, weisen darauf hin, dass diese Empfehlungen deutlich zu hoch und nicht evidenzbasiert sind. Trotzdem sind keine Fälle schwerwiegender Mangelversorgung bekannt. Aus diesem Grund ist es fraglich, ob die hohen Mengen an Calcium lt. Empfehlungen gerechtfertigt sind und die Guidelines nicht revidiert werden sollten.

 

ÖAIE 2017; Gatternig K, Widhalm K

 

Literatur:

B.S. Zemel, Dietary calcium intake recommendations for children: are they too high?, American Journal of Clinical Nutrition 2017; 105: 1025-1026

J.M. Lappe, D.J. McMahon, A. Laughlin, C. Hanson, J.C. Desmangles, M. Begley, M. Schwartz, The effect of increasing dairy calcium intake of adolescent girls on changes in body fat and weight, American Journal of Clinical Nutrition 2017; 105: 1046-1053

K.A. Vogel, B.R. Martin, L.D. McCabe, M. Peacock, S.J. Warden, G.P. McCabe, C.M. Weaver, The effect of dairy intake on bone mass and body composition in early pubertal girls and boys: a randomized controlled trial, American Journal of Clinical Nutrition 2017; 105: 1241-1229

K. Widhalm, M. Zavrel, E. Reithofer, Kalziumzufuhr bei Kindern und Jugendlichen im Licht der Empfehlungen (D-A-CH-Referenzwerte 2000), Aktuelle Ernährungs Medizin 2001; 26: 30-34

I. Elmadfa et al, Österreichischer Ernährungsbericht 2012, Bundesministerium für Gesundheit, 1. Auflage 2012

Redaktion