Erfolg für Präventionsstudie EDDY-young

Adipositas ist eines der großen Gesundheitsprobleme der Zeit, Prävention heißt das Gebot der Stunde. Ein Modell liefert die standardisierte und evaluierte Präventionsstudie EDDY-young. Zwischenergebnisse belegen die Wirksamkeit von Ernährungs- und Bewegungsinterventionen in Bezug auf Ernährungswissen und -verhalten, Body-Mass-Index sowie körperliche Leistungsfähigkeit.

Die Zahl übergewichtiger und adipöser Kinder ist alarmierend hoch und wird in Europa auf insgesamt 12 bis 16 Millionen geschätzt. Bis zu 25 Prozent und mehr der österreichischen Kinder sind aktuell übergewichtig, davon sechs Prozent adipös und rund zwei Prozent extrem adipös. Bei Erhebungen im Rahmen der EDDY-Studie an mehreren Wiener Schulen waren neben den 25 Prozent übergewichtigen Kindern sogar neun Prozent adipös und knapp drei Prozent als extrem adipös zu bezeichnen.

Von Seiten der Weltgesundheitsorganisation WHO wird Adipositas als eine der größten globalen Herausforderungen für das Gesundheitssystem erachtet. Denn die individuellen und gesamtgesellschaftlichen Konsequenzen der Adipositas-Epidemie sind dramatisch und das bereits im Kindesalter. Knorpelschäden, Knochenveränderungen, Asthma, Allergien und Kreislauferkrankungen treten bei fettleibigen Kindern häufiger auf als bei normalgewichtigen. Als Konsequenz von schlechter Ernährung, Übergewicht und Bewegungsmangel droht bereits bei Jugendlichen Diabetes Typ 2. „Übergewichtige Jugendliche entwickeln rascher Diabetes als Erwachsene“, weiß der Koordinator der EDDY-Studie, em. Univ.-Prof. Dr. Kurt Widhalm. Die psychischen Belastungen für die betroffenen Kinder und Jugendlichen würden häufig unterschätzt, so der Leiter des Österreichischen Akademischen Instituts für Ernährungsmedizin weiter: „Übergewichtige und adipöse Kinder werden häufig an den Rand gedrängt, nehmen am Schulsport nicht teil und entwickeln zu einem erheblichen Teil psychische Probleme wie Depressionen.“

Sehr viele der betroffenen Kinder sind auch als Erwachsene übergewichtig, womit sich die gesundheitlichen Probleme fortsetzen und vertiefen. Abgesehen von individueller Krankheitslast und Einbußen an Lebensqualität entstehen daraus auch enorme Kosten für das Gesundheitswesen. Maßnahmen, die in der Kindheit ansetzen, erbringen über die Zeit gesehen daher vergleichsweise starke kumulative Effekte beziehungsweise Resultate.

EDDY-young-Studie

Das Österreichische Akademische Institut für Ernährungsmedizin (ÖAIE) führt mit Unterstützung des österreichischen Lebensmittelhändlers Hofer im Rahmen seiner Nachhaltigkeitsinitiative „Projekt 2020“ an einer Wiener Schule die Präventionsstudie EDDY (Effect of sports and diet trainings to prevent obesity and secondary diseases and to influence young children’s lifestyle) durch, um wissenschaftlich fundierte Grundlagen für ein nationales Präventionsprogramm zu schaffen.

Insgesamt nahmen 160 Schüler an EDDY-young teil, davon 88 in der Kontroll- und 72 in der Interventionsgruppe. Der Anteil an Übergewichtigen insgesamt in beiden Gruppen lag zu Beginn des Projekts bei 38(!) Prozent. Als übergewichtig waren 16,3 Prozent zu bezeichnen, als adipös 13,3 und als extrem adipös 6,4 Prozent.

Das Programm von EDDY-young: Acht- bis zehn-jährige Schüler bekommen über einen Zeitraum von bisher zwei Semestern eine 22-stündige Ernährungs- und Bewegungsintervention pro Schulhalbjahr im Rahmen des regulären Schulunterrichts. Davon entfallen acht Stunden auf das Thema Ernährung, das in praktischen Experimenten und eigens für das Projekt konzipierten Übungen mit standardisierten Unterrichtsmaterialien behandelt wird, und 16 Stunden auf Bewegungseinheiten. Ergänzt wird das Programm durch eine eigens entwickelte Smartphone-App, mit deren Hilfe die Schüler das erlernte Wissen spielerisch vertiefen können. Dabei müssen sogenannte Callys täglich mit einer Auswahl gesunder und ungesunder Lebensmittel gefüttert werden. Dadurch können die Auswirkungen von Lebensmitteln beobachtet werden. Bei ungesundem Essen wird ein Cally nämlich dicker und energielos. Die App enthält auch Quizfragen zu den im Unterricht erarbeiteten Inhalten. Wie sich im Lauf des Projekts gezeigt hat, wird die App von den Kindern sehr gut angenommen und häufig aufgerufen.

Vor dem Projektstart wurden bei allen Kindern folgende Parameter erhoben:

  • Anthropometrische Messungen (Größe, Gewicht)
  • Bio Impedanz Analyse (BIA) (Körperfettanteil, Muskelmasse, Körperwasseranteil)
  • Sportmotorische Untersuchung mittels des Deutschen Motorik-Tests 6–18 (Kraft, Ausdauer, Koordination, Schnelligkeit, Beweglichkeit)
  • Fragebögen über: Nahrungsmittelverzehrhäufigkeit Essverhalten, Esssituation (Wo? Mit wem?), Soziodemografie, Ernährungswissen, Körperliche Aktivität

Ermutigende Zwischenergebnisse

Derzeit liegen Zwischenergebnisse von Messungen nach 6 und 12 Monaten vor. Diese sind in jeder Hinsicht ermutigend.

Ernährungswissen und -verhalten

Schon nach sechs Monaten zeigte sich sowohl beim Ernährungswissen also auch beim Ernährungsverhalten eine positive Entwicklung. Während vor dem Start des Projekts 72,9 Prozent der Kinder in einem Fragebogen die richtigen Antworten gaben, waren es nach sechs Monaten 76,9 Prozent. Begrüßenswerte Veränderungen zeigten sich auch im Ernährungsverhalten: Die Kinder griffen weniger häufig zu Lebensmitteln wie Weißbrot und Fastfood sowie salzigen Snacks (Abb. 1).

Körperzusammensetzung

Während der Body-Mass-Index in der Kontrollgruppe nach 12 Monaten einen nicht zu übersehenden Trend nach oben aufwies, konnte er in der Interventionsgruppe deutlich gesenkt werden (Abb. 2). Schon die Tatsache, dass der Aufwärtstrend gestoppt wurde, ist als ein zentrales Ergebnis zu sehen, betont Studienleiter Widhalm. Gleichzeitig kam es bei den Teilnehmern der Interventionsgruppe zu einem signifikanten Anstieg der Muskelmasse (Abb. 3). In der Kontrollgruppe blieb die Körperzusammensetzung in Hinblick auf die Muskelmasse praktisch unverändert.

Eine Besonderheit bei dieser Untersuchung ist die Tatsache, dass die Kontrollgruppe zur Baseline bessere Werte bei Body-Mass-Index und motorischen Fähigkeiten aufgewiesen hat. Dieser Zufall tut der Relevanz der Ergebnisse und der Sichtbarkeit der Erfolge der Interventionen jedoch keinen Abbruch.

Körperliche Leistungsfähigkeit

Die körperliche Leistungsfähigkeit wurde mittels des Deutschen Motorik-Tests überprüft. Dieser beinhaltet einen 20-Meter-Sprint und einen 6-Meter-Lauf, einen Standweitsprung, Balancieren, Hin- und Herspringen, Rumpfbeugen und Liegestütze. Schon nach sechs Monaten hatten sich die motorischen Fähigkeiten in der Interventionsgruppe deutlich erkennbar verbessert (Abb. 4). In der Kontrollgruppe waren keine Veränderungen festzustellen.

Zur rechten Zeit

Der Zeitpunkt spielt für Interventionen wie die im Rahmen der EDDY-young-Studie gesetzten eine große Rolle. In der Volksschule sind die Chancen auf nachhaltige Änderungen des Verhaltens noch wesentlich größer als in höheren Schulstufen. „Bei übergewichtigen Jugendlichen sind Veränderungen des Verhaltens und des ganzen Lebensstils wesentlich schwieriger zu verankern“, betont Widhalm.

Außerdem hat sich in anderen Untersuchungen gezeigt, dass die körperliche Aktivität bei Jugendlichen im Vergleich zu Kindern dramatisch abnimmt. Während noch 26 Prozent der 11-Jährigen jeden Tag moderate bis starke sportliche Betätigungen ausführen, sind es bei den 15-Jährigen nur mehr 11,5 Prozent.

Weiters können derartige Interventionen nur als Teamwork erfolgreich durchgeführt werden. Die Interventionen müssten auf jeden Fall durch geschulte Kräfte und gemeinsam mit den Lehrpersonen durchgeführt werden. Durch die Einbeziehung von Eltern, Lehrern und anderen Bezugspersonen kann die Wirksamkeit wesentlich vergrößert werden. Und: mit einmaligen Aktionen ist es nicht getan. Wie internationale Erfahrungen zeigen, müssen derartige Bemühungen in einen kontinuierlichen, jahrelangen Prozess eingegliedert werden.

 

 

Kommentar

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat das Thema Prävention ernährungsabhängiger Erkrankungen zu einem Top-Thema für die Mitgliedsländer erklärt. Sie fordert konkret, „nachweisbar wirksame Maßnahmen“ zu implementieren und deren Effekt zu überprüfen. Dies ist der „critical point“ vieler Projekte. So gibt es in Österreich eine Fülle von „gesundheitsfördenden“ Projekten der verschiedensten Organisationen. Von keinem einzigen ist aber bekannt, wie die jeweiligen Maßnahmen wirken. Der Fonds Gesundes Österreich zum Beispiel finanziert eine Reihe von Projekten mit dem ehrgeizigen Ziel, die Gesundheit zu fördern. Es gibt jedoch keine einzige wissenschaftlich abgesicherte Studie, die unter Beweis stellt, dass die einzelnen Maßnahmen irgendeinen positiven Effekt entfalten. Es könnte durchaus auch negative Effekte geben, doch das wird nicht thematisiert. Darüber hinaus ist zu kritisieren, dass – beispielsweise im Bereich Übergewicht/Adipositas bei Kindern und Jugendlichen – Effekte im epidemiologischen Sinn nur dann nachgewiesen werden können, wenn valide Daten über die Prävalenz vorliegen. Diese Daten werden zwar von den Schulärztinnen meist jährlich erhoben, aber nicht ausgewertet. Das heißt in concreto: wir müssen in Österreich erst lernen, qualitätsgesteuerte und evaluierte Projekte und Maßnahmen durchzuführen, um damit die Auswirkungen der eingesetzten Maßnahmen zu erforschen und zu bewerten.

Es liegt jetzt an der Politik, vor allem an den relevanten Ministerien (Bildung, Gesundheit und Sport), die aus der Studie gewonnenen Erkenntnisse in die breite Praxis überzuleiten und wirksame Präventionsprogramme in österreichischen Schulen zu etablieren. Die WHO hat dies zur Aufgabe gemacht. Jetzt muss Schluss sein mit Alibi-Aktionen, die nichts bewirken, aber auch Geld verbrennen.

In diesem Konnex ist natürlich zu erwähnen, dass dies nicht nur Aufgabe der Gesundheitspolitik sein kann, sondern dass sich vor allem auch die Universitäten dieses Themas annehmen sollten. Sie sind es, die wissenschaftliche Grundlagen für Public-Health-Maßnahmen schaffen müssen. Da stehen wir jedoch noch sehr am Anfang.

em. Univ.-Prof. Dr. Kurt Widhalm

 

 

ÖAIE; Red.

Redaktion