(Nahrungsmittel)Allergien: Mehr exakte Diagnostik & mehr Prävention

Hinter einer Unverträglichkeit von Nahrungsmitteln werden wesentlich häufiger Allergien vermutet, als es tatsächlich der Fall ist, und die gewählten „therapeutischen“ Methoden sind nicht selten kontraproduktiv. Es gilt, für mehr wissenschaftlich fundierte Aufklärung zu sorgen, ebenso für eine exakte Diagnostik. Bis zu einem gewissen Grad ist auch Prävention von Allergien möglich – und diese beginnt lange vor der Geburt.

Ja, Nahrungsmittelallergien werden häufiger, bestätigt Univ.-Prof. Dr. Josef Riedler, Leiter der Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde am Kardinal Schwarzenberg’schen Krankenhaus in Schwarzach. Das Ausmaß der von medizinischen Laien vermuteten Fälle liegt aber deutlich über der wissenschaftlichen Evidenz. „Besonders bei Eltern kleiner Kinder begegnen wir häufig Falschmeinungen“, berichtet der Allergie-Spezialist, „alles in allem sind nur etwa 20 bis 30 Prozent der von den Eltern als ‚sicher‘ angegebenen Nahrungsmittelallergien objektivierbar“. Problematisch ist das unter anderem deshalb, weil in der Folge häufig wichtige Nahrungsmittelgruppen wie Milch oder Weizenmehl weggelassen werden – oder zumindest versucht wird, diese wegzulassen, was gerade bei Milch aufgrund ihrer weiten Verbreitung in der Lebensmittelproduktion sehr schwierig ist. Die Beobachtung, dass ein Kind Milch oder Brot nicht verträgt, hat jedenfalls meist andere Ursachen als eine Allergie.

Nicht selten täuschen Erkrankungen wie Infekte oder anderweitig bedingte Unverträglichkeitsreaktionen eine Nahrungsmittelallergie oder -intoleranz vor. Prof. Riedler: „Der einzige Weg, eine Nahrungsmittelallergie eindeutig zu diagnostizieren, ist der Provokationstest“. Bei Verdacht sollte daher immer ein Doppelblind-Provokationstest – im Allgemeinen stationär – durchgeführt werden. Wie die Erfahrung zeigt, bestätigt sich die Vermutung im Schnitt bei 1 von 10 Fällen. Gerade bei der Diagnostik von Nahrungsmittelallergien können aber auch IgE-Tests mit rekombinanten Allergenen durchaus sinnvoll sein, da damit das Risiko schwerer anaphylaktischer Reaktionen abgeschätzt werden kann.

Ein Standardtest auf Sensibilisierung kann irreführende Ergebnisse liefern, denn eine vorhandene IgE-Reaktion muss noch lange nicht Ursache der Beschwerden sein. De facto weisen viele Kinder eine Sensibilisierung gegen verschiedene Nahrungsmittelallergene auf – aber nur bei sehr wenigen geht das bis zu klinischen Symptomen. Atopie ist also nicht gleich Allergie, wiewohl die beiden Begriffe häufig fälschlicherweise als Synonyme verwendet werden. Rund 50 Prozent der Fälle von Asthma haben nichts mit Allergie zu tun, umgekehrt sind nur etwa 25 Prozent der Atopien mit Asthma assoziiert. Abgesehen davon gibt es eine Reihe weiterer Allergieformen, die nicht über die IgE-Schiene laufen. Zum Beispiel eine zellulär vermittelte Colitis als Reaktion auf Milch, oder die Zöliakie, die auf die Bildung von IgA-Antikörpern zurückgeht. Und mehr als 50 Prozent der Fälle von atopischer Dermatitis haben nichts mit  IgE- vermittelter Allergie zu tun.

Gerade im Bereich Lebensmittelallergien werden auch „diagnostische“ und „therapeutische“ Methoden angeboten, die in keiner Weise dazu geeignet sind, sondern vielmehr zu Verunsicherung und kontraproduktiven Verhaltensweisen führen. Eines dieser Beispiele ist die Bioresonanz. Prof. Riedler: „Es gibt keinerlei wissenschaftliche Evidenz, dass Bioresonanz geeignet wäre, Allergien festzustellen“. Geschweige denn, zu „löschen“. 

Zunahme: Ursachenforschung

Die Suche nach den Ursachen für die Zunahme von Allergien ist nicht abgeschlossen. Den derzeit stärksten auch wissenschaftlich haltbaren Ansatz einer Erklärung liefert die Hygienehypothese. Demnach nehmen mit steigendem Hygienestandard die Herausforderungen für das Immunsystem durch Bakterien, Pilze und Parasiten ab. In der Folge werden die „falschen“ Moleküle attackiert. 

Zwar haben vergleichende Studien zu städtischer und ländlicher Lebensweise gezeigt, dass eine stärkere Stimulierung des Immunsystems durch eine Umgebung reich an Mikroflora mit einer geringeren Häufigkeit von Allergien, Asthma und Atopie einhergeht. Aber wie immer, wenn es um das Immunsystem geht, ist die Sachlage kompliziert. Nicht von ungefähr, schließlich ist das Immun- nach dem Nervensystem des Menschen das komplexeste biologische System, das wir kennen. Und die Vielfalt der Allergene und allergischer Erkrankungen vereinfacht die Sache auch nicht. Ob eine Allergie entsteht oder nicht, entscheidet sich auf Basis eines hochkomplexen Zusammenspiels von individuellen genetischen, epigenetischen und Umweltfaktoren.

„Jedenfalls ist die Beziehung zwischen Dosis und Wirkung, zwischen Allergenexposition und Häufigkeit allergischer Erkrankungen, nicht immer linear“, fasst Prof. Riedler zusammen. Eine sehr geringe Allergenexposition kann mit einer geringeren Häufigkeit von Allergien einhergehen, eine mittlere Exposition ist bei manchen Allergenen mit einem sehr häufigen Auftreten von Allergien verbunden – und eine starke Allergenexposition wiederum kann mit geringerer Inzidenz einer Sensibilisierung oder von Allergien assoziiert sein. Damit sind Präventionsmaßnahmen für Nicht-Nahrungsmittelallergien wie das Encasing zum Scheitern verurteilt. Und Fragen, ob Hund oder Katze in die Familie aufgenommen werden sollen oder nicht, sind keineswegs einfach zu beantworten. Sporadische Aufenthalte am Land sind bei allen sonstigen Vorteilen nicht zur Allergieprävention geeignet. 

Der Zusammenhang zwischen der Internationalisierung unserer Nahrungsangebotes (Kiwi, Soja usw.) und einer Zunahme von Nahrungsmittelallergien ist ebenfalls differenziert zu sehen. „Dieser Zusammenhang trifft eher noch bei Erwachsenen zu, weniger aber bei Kindern“, so Prof. Riedler – im kindlichen Alter registriert das Immunsystem „neue“ Nahrungsmittel tendenziell als „normalen“ Teil der Umwelt. Dass heute vermehrt auch Allergien gegen Soja oder Kiwi beobachtet werden, ist als statistisches Phänomen zu betrachten. „Der Organismus ist schon vorher auf Allergie geprägt“, erklärt Prof. Riedler, „es entscheidet sich sehr früh, ob das Immunsystem in der Lage sein wird, adäquat mit Allergenen umzugehen, nämlich während der Schwangerschaft und in den ersten Monaten nach der Geburt.“

Prävention & Therapie

Grundsätzlich ist die Prävention wie so oft auch hier die beste Therapie. Mit den heute zur Verfügung stehenden Mitteln sind die Möglichkeiten allerdings relativ beschränkt – ganz abgesehen davon, dass nicht alle Allergieformen verhindert werden können. Völlig machtlos stehen (werdende) Eltern dem Phänomen Allergie bei ihren Kindern aber auch nicht gegenüber. Eine Zusammenfassung dazu findet sich in Aufzählung 1. 

Auf längere Sicht darf man allerdings sehr wohl auf eine umfassendere Prävention hoffen. Zahlreiche Wissenschafter und Ärzte arbeiten an Lösungen für dieses Problem, so auch Prof. Riedler gemeinsam mit einem multidisziplinär zusammengesetzten Team und Kollegen in verschiedenen Forschungseinrichtungen: „Unserer Überzeugung nach liegt der Schlüssel nicht in einer Vermeidung möglicher Allergieauslöser, sondern in einer Stärkung des Immunsystems.“ Das Ziel ist eine immunmodulierende Allergie-Impfung. Der Ansatz wurde bewusst sehr breit gewählt, um eine Verringerung aller Allergieformen inklusive der Nahrungsmittelallergien zu erzielen.

Derweilen ist eine Desensibilisierung teilweise auch bei Nahrungsmitteln möglich. Bei einer Allergie gegen das Milcheiweiß zum Beispiel könnte eine Desensibilisierung in Erwägung gezogen werden, wobei die zugeführte Menge mit wenigen Tropfen beginnend gesteigert wird. Aber: Das funktioniert eben nur bei einer Allergie, nicht bei einer Milchintoleranz, die meist durch einen Laktasemangel hervorgerufen wird, der wiederum genetisch bedingt sein kann – was hierzulande sehr selten vorkommt – oder durch ein Nachlassen der Laktaseaktivität in den Darmzotten, was meist mit etwa dem 40. Lebensjahr einsetzt.

Empfehlungen zur Allergieprävention

  • Information – Stärkere Verbreitung aktueller und korrekter Informationen; Förderung realistischer Einschätzungen und Erwartungen in der Bevölkerung.
  • Nicht Rauchen – Belastung durch Zigaretten- und anderen Rauch während der Schwangerschaft und danach vermeiden; über epigenetische Phänomene entwickeln Kinder auch dann ein erhöhtes Allergierisiko, wenn die Mutter einer Rauchbelastung durch ihre Mutter ausgesetzt war. 
  • 4 Monate ausschließlich Stillen – Das Risiko für Nahrungsmittelallergien und atopische Dermatitis wird verringert; die Häufigkeit von Asthma wird nicht beeinflusst.
  • Fischöl und Omega-3-Fettsäuren – In Fisch (z.B. Makrele, Lachs) ist eine protektive Wirkung gegeben; kein Nachweis bei Anreicherung von Nahrungsmitteln mit Omega-3-Fettsäuren oder bei Supplementen.
  • Hypoallergene Nahrung – Kein protektiver Effekt in der Allergie- und Asthmaprävention (Nahrungsmittel, Pollen) nachweisbar; bei Hochrisikopatienten für Neurodermitis wird eine Reduktion der atopischen Dermatitis um 50 % erreicht.
  • Präbiotika – Erste Studien weisen darauf hin, dass gewisse Oligosaccharide von protektiver Wirkung sind; der Ansatz dürfte in der Lage sein, die Balance der Darmflora positiv zu beeinflussen.

Autor: K. Gruber

Redaktion