Palmöl – ein Pflanzenfett, das für Diskussionen sorgt

Schätzungen zufolge enthält jedes zweite Produkt im Supermarkt Palmfett und sorgt damit für heftige Diskussionen. Der Hauptvorwurf betrifft vor allem Umweltfolgen durch den Anbau. Tatsächlich ist Palmöl in ökologischer Hinsicht besser als sein Ruf in der westlichen Welt. Auch ernährungsphysiologisch betrachtet schneidet es in sinnvollen Einsatzbereichen besser ab als die meisten Alternativen. Der weltweit steigende Bedarf erfordert aber Maßnahmen, um die Ökobilanz von Palmfett zu verbessern. Dabei müssen vom Produzenten bis zum Konsumenten alle Beteiligten mitwirken. Ein Gespräch mit Helene Glatter-Götz vom WWF und Regine Schönlechner von der BOKU Wien.

In welchen Ländern ist der Palmölverbrauch pro Kopf am höchsten? Wo stehen die EU bzw. Österreich?

Glatter-Götz: Konkrete Verbrauchszahlen in einzelnen Ländern sind schwierig zu erheben, weil sich ein sehr großer Anteil des Palmöls in verarbeiteten Produkten findet. Prinzipiell wird Palmöl in Asien seit langem in der Küche verwendet. Bevölkerungswachstum und mehr Wohlstand haben den Verbrauch in letzter Zeit dort stark steigen lassen. Von der 2013/2014 produzierten Menge wurden jedenfalls insgesamt 69 Prozent in Asien und 11 Prozent in der EU verbraucht. Von den 60 Millionen Tonnen Jahresproduktion sind 1,8 Millionen Tonnen nach Deutschland gegangen (Auf der Ölspur – Berechnungen zu einer palmölfreien Welt, WWF 2016; Anm. d. Red.). Für Österreich wurden keine eigenen Berechnungen angestellt.

Wie hoch ist der Anteil der Palmölmenge, die in die Lebensmittelproduktion fließt?

Glatter-Götz: Das hängt stark vom Bezugsrahmen ab. Weltweit gesehen werden rund 68 Prozent für Lebensmittel verwendet, in Deutschland sind es 40 Prozent. Dieser Anteil ist aufgrund der immer stärkeren Nachfrage nach verarbeiteten Produkten im Steigen begriffen. Der Verbrauch an Palmöl in Industrieländern nimmt auch aufgrund des immer stärkeren Einsatzes von Agro-Kraftstoffen zu.

Fällt die Palmölmenge, die in Europa verzehrt wird, im weltweiten Vergleich eigentlich ins Gewicht?

Glatter-Götz: In Europa werden rund 6,5 Prozent des weltweit als Lebensmittel verwendeten Palmfetts verbraucht. Das spielt schon eine Rolle.

Schönlechner: Der Anteil nimmt mit dem steigenden Fettkonsum auch zu.

Wie sind Alternativen zu Palmöl ökologisch zu bewerten? Sind z.B. Kokosfett oder Sojaöl die bessere Wahl?

Glatter-Götz: Grundsätzlich ist Palmöl aus ökologischer Sicht kein „schlechtes“ Öl. Die Ölpalme ist extrem ertragreich, sodass vergleichsweise wenig Anbaufläche benötigt wird. Ölpalmen liefern durchschnittlich 3,3 Tonnen pro Hektar, Kokospalmen 0,7 und Soja 0,4 Tonnen. Eine Umstellung auf andere Ölpflanzen hätte negative Auswirkung – der Flächenbedarf würde stark steigen, die Emission von Treibhausgasen zunehmen und ohnehin schon bedrohte Tier- und Pflanzenarten noch weiter unter Druck kommen. Daher sagen wir vom WWF, dass Palmölverzicht auch keine Lösung ist. Es geht vielmehr darum, einen nachhaltigen Anbau aller Pflanzenöle sicherzustellen und eine Senkung des Bedarfs zu erwirken.

Mittlerweile gibt es mehrere Nachhaltigkeitsinitiativen rund um Palmöl – RSPO, POIG und FONAP. Was ist darunter zu verstehen und wie unterscheiden sich diese voneinander?

Glatter-Götz: Der RSPO (Round Table of Sustainable Palmoil) wurde vor mehr als zehn Jahren von WWF, anderen Organisationen und Unternehmen gegründet. Ziel war, ein Mindestmaß an Nachhaltigkeit und Transparenz in den Palmölanbau zu bringen. Um mehr Nachhaltigkeit zu erreichen, fordern wir die Einhaltung von Zusatzkriterien wie den Rodungsstopp von Regenwäldern, kein Anbau auf Torfböden, Offenlegung der Treibhausgasemissionen, das Setzen von Reduktionszielen und Verzicht aus hochgiftige Pestizide. Zu den Initiativen, die diese Kriterien umzusetzen versuchen, gehört die Palm Oil Innovators Group (POIG), die sich zum Teil aus RSPO-Mitgliedern rekrutiert. Das FONAP (Forum nachhaltiges Palmöl) konzentriert sich auf den D-A-CH-Raum und versucht hier zu erreichen, dass ausschließlich zertifiziertes Palmöl nachgefragt wird. Letztlich sollen das RSPO- und andere Zertifikate auf ein höheres Niveau gehoben werden.

Schönlechner: Das Verbot der Rodung von Regenwald müsste unbedingt in die RSPO-Kriterien aufgenommen werden.

Glatter-Götz: Der WWF arbeitet gemeinsam mit anderen NGOs ständig daran, die Kriterien für das RSPO-Zertifikat weiter auszubauen. Das ist ein langwieriger Prozess, weil hier sehr viele Beteiligte mit unterschiedlichen Interessen involviert sind. Trotzdem ist das RSPO eine Verbesserung für die Ökobilanz von Palmöl.

Schönlechner: Idealerweise sollte in ganz Europa nur zertifiziertes Palmöl verwendet werden. Der Konkurrenzdruck bei Fetten ist ja sehr groß, die Gewinnmargen sind eng. Ein Umstieg auf das teurere zertifizierte Palmöl kann einer Firma durchaus Wettbewerbsnachteile bringen.

Trotz Verbesserungsbedarf ist es also sinnvoll, auf Produkte mit zertifiziertem Palmöl zu achten

Glatter-Götz: Bei Produkten mit Palmöl empfehlen wir auf eine Zertifizierung für nachhaltige Produktion zu achten. Ist diese nicht ersichtlich, kann man bei Unternehmen nachfragen und damit auch eine Sensibilisierung bewirken.

Schönlechner: Von einigen Lebensmittelproduzenten wird schon RSPO-zertifiziertes Palmöl verwendet. Eine Kennzeichnung ist allerdings nur bei etikettierten Produkten möglich, sei es Margarine, Trockensuppen oder Seife. Ein großer Anteil des Palmfetts ist aber in Ziehmargarine enthalten und das damit hergestellte Gebäck wird z.B. in Bäckereien im Allgemeinen ohne Etikett verkauft.

Findet man in Produktionsländern ein offenes Ohr für nachhaltigen Anbau?

Glatter-Götz: In Indonesien und Malaysien zum Beispiel, wo die größten Anbaugebiete liegen, ist man sich der Umweltproblematik durchaus bewusst. Die Palmölproduktion ist aber auch ein wichtiger wirtschaftlicher Faktor und rund ein Drittel der Produzenten sind Kleinbauern, die ausschließlich darauf angewiesen sind. Das muss man differenziert betrachten. Wir vom WWF versuchen einerseits, die Nachfrage nach nachhaltig produziertem Palmöl – sowie nach anderen Produkten– zu erhöhen und arbeiten andererseits mit Produzenten zusammen, um die Installierung entsprechender Zertifizierungssysteme zu unterstützen.

Was schlagen Sie umweltbewussten Konsumenten vor, um den Palmölverbrauch zu reduzieren? Welche Maßnahmen machen am meisten Sinn?

Glatter-Götz: Wir vom WWF empfehlen, auf eine Ernährung nach den geltenden Gesundheitsstandards zu achten. Das bedeutet im Allgemeinen weniger Fleisch, mehr Gemüse und Obst – vor allem in Bio-Qualität – zu verzehren und Speisen möglichst oft frisch zuzubereiten. Denn Palmöl findet sich besonders in verarbeiteten Produkten wie Fertiggerichten, Schokoladen und Knabbereien. Das ergibt eine Win-Win-Situation, weil man sowohl der Umwelt als auch der eigenen Gesundheit etwas Gutes tut. Eine WWF-Studie hat gezeigt, dass insbesondere die Reduktion des Verzehrs tierischer Proteine in Österreich die Emission von Treibhausgasen – also den Klima-Fußabdruck – um 22 Prozent verringern würde (Achtung: Heiß und fettig – Klima & Ernährung in Österreich, WWF 2015; Anm. d. Red.). Erwähnenswert in diesem Zusammenhang ist auch, dass Palmfett laut Berechnungen für Deutschland zu acht Prozent als Futtermittelzusatz verwendet wird, v.a. bei Geflügel und Schweinen. Wenn man seinen Fleischkonsum reduziert, verringert man also indirekt auch den Verbrauch an Palmöl. „Weniger Fleisch, dafür aber besseren Fleisch“ wäre schon ein gutes Motto – zurück zum Sonntagsbraten quasi.

Schönlechner: Damit wäre schon ein großer Schritt getan. Eine Ernährungsumstellung wie beschrieben wäre natürlich die beste Lösung, wir wissen aber, wie schwierig das ist. Was nun das Fett betrifft – davon essen wir zu viel und häufig das falsche. Allerdings wird für manche Produkte Palmfett aus technologischen oder sensorischen Gründen benötigt, zum Beispiel Backwaren wie Blätterteig, Haselnussaufstrich usw. Es ist jedoch die Frage, ob man von diesen Produkten wirklich so große Mengen verzehren muss, wie es derzeit der Fall ist. Was die Produzenten betrifft: In vielen Produkten könnte anstelle von festem Palmfett sehr gut Pflanzenöl verwendet werden, z. B. wäre zum Frittieren Öl statt dem häufig verwendeten Palmfett geeignet. Freilich ist das nicht zuletzt eine Preisfrage. Die Verantwortung liegt jedenfalls sowohl bei Konsumenten als auch Produzenten.

Ein Boykott von Palmöl ist also nicht als sinnvoll zu betrachten?

Schönlechner: Es ist ein Trugschluss anzunehmen, dass man mit einem Boykott von Palmöl die Probleme lösen könnte. Diejenigen, die es verwenden, als Übeltäter zu brandmarken, ist nicht wirklich konstruktiv. Aber Auseinandersetzungen wie die um Palmöl bekommen oft eine gewisse Eigendynamik. Grundsätzlich ist die Diskussion ja zu begrüßen, weil sie eine bestehende Problematik in das allgemeine Bewusstsein rückt. Diese ist allerdings nicht auf Palmöl beschränkt, sondern betrifft viele andere Naturprodukte ebenso.

Glatter-Götz: Wir vom WWF sind wie gesagt ja zu dem Schluss gekommen, dass kein Palmöl auch keine Lösung ist. Darüber zu reden und eine öffentliche Auseinandersetzung zu führen, wie wir die derzeitigen Umweltprobleme wie die Rodung von Regenwäldern und die Gefährdung von Tier- und Pflanzenarten eindämmen können, finde ich aber schon sehr wichtig. Es geht ja nicht allein um Palmöl, sondern um alle Pflanzenöle und letztlich um die Frage der Nachhaltigkeit generell.

Wie sieht es eigentlich mit der Fettsäurezusammensetzung aus? Wie kann Palmfett aus ernährungsphysiologischer Sicht bewertet werden? Vor allem im Vergleich zu dem derzeit trendigen Kokosfett.

Schönlechner: Das Rohprodukt Palmöl ist ein wertvolles Öl mit einem extrem hohen Gehalt an Carotinoiden. Für die Lebensmittelproduktion benötigt man allerdings den festen bzw. halbfesten Anteil, der durch Raffination gewonnenen wird, wobei auch die Carotinoide abgetrennt werden. Nur dann bekommt man die in der Tat ausgezeichneten technologischen Eigenschaften. Damit enthält das hierzulande in der Lebensmittelproduktion verwendete Palmfett naturgemäß einen relativ hohen Anteil an gesättigten Fettsäuren. Im Vergleich zu Kokosfett ist dieser Anteil aber nur etwa halb so groß. Als hochgesättigtes Fett ist Kokosfett von Natur aus fest, hat aber nicht die technologischen Eigenschaften des Palmfetts. Es hat aufgrund der sehr vielen kurzkettigen Fettsäuren einen sehr engen Schmelzpunktbereich von ein bis zwei Grad und wird sofort flüssig. Für Streichfette braucht man einen breiten Schmelzbereich. Als gesundes Fett kann man das derzeit gehypte Kokosfett nicht bezeichnen. Es kursieren sogar Meldungen, es würde gegen Demenz helfen. Solche Glorifizierungen sind natürlich aus der Luft gegriffen. Palmfett enthält etwa sechs Mal so viel Omega-6-Fettsäuren wie Kokosfett. Omega-3-Fettsäuren sind zwar in geringer Menge, aber doch enthalten, während sie in Kokosfett völlig fehlen.

Konkret zum Thema Lebensmittel-Einkauf: In welchen Produkten steckt in Relation zur Verzehrsmenge das meiste Palmöl und worauf soll der Konsument im Supermarkt achten?

Glatter-Götz: Mehr als 40 Prozent werden in Form von Brot- und Backwaren, Pizzen, anderen Fertigprodukten und Knabbergebäck gegessen. Daher empfiehlt es sich, besonders bei diesen Produkten auf eine Zertifizierung zu achten beziehungsweise so viel wie möglich selbst zu kochen und so den Konsum von Palmfett zu kontrollieren. Absolut betrachtet am höchsten ist der Gehalt zwar in Margarine, die 20 bis zu 50 Prozent Palmfett enthält. Allerdings sind hier die Verzehrsmengen vergleichsweise klein und so findet sich nur rund ein Drittel des für Lebensmittel verwendeten Palmfetts in Margarine.

Wie sieht es bei den Streichfetten aus? Ist Butter die ökologisch bessere Wahl als Margarine?

Glatter-Götz: Es gibt relativ viele Studien zu diesem Thema und grundsätzlich schneidet Margarine besser ab – selbst wenn Palmöl enthalten ist. Butter ist so wie jedes tierische Produkt mit einem hohen Verbrauch von Landflächen verbunden. Rinder verursachen Emissionen von Treibhausgasen und die Produktion der Futtermittel muss ebenfalls berücksichtigt werden. Gerade Butter ist nicht einfach zu bewerten, da spielen noch zahlreiche andere Faktoren eine Rolle. Jedenfalls sollte man in beiden Fällen zur Variante aus Biolandbau greifen.

Ein gewagter Blick in die Zukunft: Aus welchen Ölpflanzen werden wir in 20 Jahren unser Fett gewinnen?

Schönlechner: Die ideale Ölpflanze wird es wohl nicht geben. Man kann davon ausgehen, dass die Ölpalme auch in 20 Jahren noch angebaut werden wird – ganz zu Recht. In Europa dürfte der Raps und in den USA Soja die größte Bedeutung behalten. Mit großen Verschiebungen rechne ich hier nicht. In mehrfacher Hinsicht wünschenswert wäre ein Rückgang des Fettkonsums, insbesondere der Konsum von gesättigten Fettsäuren durch weniger Fleisch, Wurst und tierischem Fett.

Glatter-Götz: Palmöl hat in den letzten 25 Jahren einen extremen Boom erlebt, die Anbaufläche hat sich seit 1990 mehr als verdreifacht. Es ist nicht davon auszugehen, dass sich der Trend umkehrt. Man muss eher mit weiter steigender Nachfrage rechnen. Dazu tragen unter anderem das Bevölkerungswachstum, der zunehmende Konsum von Fertigprodukten und ein wahrscheinlich steigender Einsatz in der Agro-Kraftstoffproduktion bei. Darum ist ein nachhaltiger Anbau von Palmöl, aber auch von anderen pflanzlichen Fetten, so wichtig.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

Redaktion