DGEM: Terminologie in der Klinischen Ernährung

Bisher war die Nomenklatur in der klinischen Ernährung sehr uneinheitlich, was häufig zu Verwirrung und Unklarheiten in wissenschaftlichen Diskussionen geführt hat. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährungsmedizin (DGEM) hat nun eine einheitliche Nomenklatur mit den wichtigsten Definitionen zusammengestellt. Hauptziel ist es, die Patientenversorgung bedarfsgerecht zu gliedern und damit hinsichtlich der Effizienz zu verbessern. Zusätzlich wurden englische Be¬griffe als Empfehlung für eine weltweite Nomenklatur definiert. Die Definitionen wurden unter Bezug auf nationale und internationale Fachliteratur sowie eine umfangreiche Online-Recherche erstellt. Es wurden 46 Definitionen erarbeitet, die sich in 5 Kategorien gliedern.

1. Allgemeine Definitionen

a.      Klinische Ernährung
Unter diesem Begriff werden alle empfohlenen Ernährungsmaßnahmen bei erkrankten Personen verstanden. Klinische Ernährung umfasst therapeutische und präventive Aspekte. Ziel ist die Verbesserung des klinischen Verlaufs, Leistungssteiger­ung, Wiederherstellung der Gesundheit, Verbesserung der Lebensqualität.

b.      Ernährungsmedizin
Umfasst alle Ernährungsmaßnahmen bei erkrankten und gesunden Personen, die unter ärztlicher oder pflegerischer Beobachtung stehen.

c.       Care Catering
Bereitstellung er­krankungsspezifischer Ernährung in der Gemeinschaftsverpflegung sowie strukturelle Maßnahmen, um die Nah­rungsaufnahme zu erleichtern.

d.      Diätetik
Ist definiert als Ernährungsanamnese und Ernährungsberatung mit oder ohne Ernährungsintervention zur Modifikation der normalen Ernährung bei verschieden­en (ernährungsabhängigen) Erkrankungen. Als Hauptziel wird eine individualisier­te Diätberatung gesehen.

e.      Ernährungssupport
Überbegriff für die Bereitstellung von Nährstoffen über orale, enterale bzw. parenterele Ernährung. Ziel ist die Verbesserung bzw. der Erhalt des Ernährungsstatus und der Lebensqualität.

f.        Ernährungsteam
Multiprofessionelles Team aus Personen mit diätologi­scher, pflegerischer, pharmazeutischer und medizinischer Expertise. Die Haupt­aufgabe des Ernährungsteams ist die Gewährleistung einer individuellen Ernähr­ung, abgestimmt auf die Bedürfnisse jedes Patienten.

g.      Adipositasteam
Hochqualifiziertes multidisziplinäres Team, das min­destens eine ärztliche Fachkraft mit Spezialisierung auf Adipositas sowie mindes­tens eine Fachkraft aus dem diätetischen und ernährungswissenschaftlichen Be­reich haben muss. Dieses Team ist verantwortlich für die Zusammenstellung eines individualisierten, patientenzentrierten und umfassenden Gewichtsmanagement- und Lebensstilprogrammes.

h.      Ernährungskommission
Gruppe aus institutionsweiten Entscheidungsträgern. Ihre Hauptaufgabe liegt in der Entwicklung und Etablierung von institutionsweiten Standards für die Struktur und Prozesse in der klinischen Ernährung.

i.        Mangelernährungsscreening
Dient der Identifizierung von Personen, die mangelernährt sind bzw. bei denen ein Risiko für eine krankheitspezifische Mangelernährung vorliegt.

j.        Ernährungsassessment
Die umfassende Diagnose von Ernährungsproblemen mittels Krankheitsgeschichte, Medikation, Ernährungsanamnese, Mangelernährungsassessment, körperlichen Untersuchungen, Messung der Körperzusammen­setzung sowie Laborwerten. Ziel ist es, Patienten zu identifizieren, die potenziell von einer Ernährungstherapie profitieren würden.

2. Ernährungsstatus

a.      Krankheitsspezifische Mangelernährung
Die Definition erfolgt über 3 unabhängige Kriterien:

·   BMI < 18,5kg/m2 oder

·   unbeabsichtigter Gewichtsverlust von >10% in den letzten 3 bis 6 Monaten oder

·   BMI von < 20kg/m2 und unbeabsichtigter Gewichtsverlust von >5% in den letzten 3 bis 6 Monaten.

b.      Kachexie
Ein multifaktorielles Syndrom mit den typischen Symptomen ungewollter Gewichtsverlust, Muskelatrophie, Müdigkeit, Schwäche und signifi­kanter Appetitverlust.

c.       Sarkopenie
Progressiver Verlust der Skelettmuskelmasse und -kraft, bedingt durch Alter und mangelnder Mobilität.

d.      Spezifischer Nährstoffmangel
Spezifische Mängel an vorwiegend Mikronährstoffen, die mit oder ohne krankheitsspezifischer Mangelernährung auftreten können.

e.      Refeeding-Syndrom
Tritt bei schwer mangelernährten Patienten bzw. bei Patienten mit präexistierenden Defiziten nach Beginn einer oralen, enteralen oder parenteralen Er­nährungstherapie auf. Es besteht eine schwerwiegende Verschiebung des Elektrolyt- und Flüssigkeitshaushaltes verbunden mit Stoffwechselabnormalitäten und Mikronährstoffdefiziten.

3. Interventionen

a.      Ernährungsversorgung
Alle Aktivitäten und Interventionen bezüglich Ernährung in der institutionalisierten Gesundheitsversorgung.

b.      Ernährung
Aufnahme von Nahrung und Flüssigkeit. Im Detail umfasst Ernährung alle Vorgänge, durch die dem Organismus diejenigen Substanzen zugeführt werden, die zur Aufrechterhaltung der Lebensvorgänge notwendig sind.

c.       Diät
Verordnete Nahrungs- und Flüssigkeitszufuhr mit aus the­rapeutischen Gründen vorab geregelter Art, Menge und Zeit der Nahrungsauf­nahme.

d.      Vollkost
Wird definiert als eine Kost, die

·   den Bedarf an essentiellen Nährstoffen deckt,

·   in ihrem Energiegehalt den Energiebedarf des Individuums berücksichtigt,

·   präventiv und therapeutisch wirksam ist und

·   in ihrer Zusammensetzung den üblichen Ernährungsgewohnheiten ent­spricht.

e.      Speisenanreicherung
Anreicherung von Mahlzeiten mit normalen Lebens­mitteln oder isolierten Nährstoffgemischen. Am häufigsten eingesetzt wird dies zur Erhöhung der Protein- bzw. Mikronährstoffaufnahme, zur Erhöhung der Ener­giedichte oder zur Behandlung von Fettmalabsorption.

f.        Künstliche Ernährung
Wissenschaft und Anwendungspraxis der oralen Nahrungssupplementation sowie der enteralen und parenteralen Ernährung. Das Hauptziel ist dabei die Prävention und Behandlung krankheitsspezifischer Man­gelernährung.

g.      Orale Nahrungssupplementation
Teilbereich der künstlichen Ernährung und betrifft die Anwendung von kommerziellen und bilanzierten Diäten.

h.      Enterale Ernährung – Sondenernährung
Teilbereich der künstlichen Ernährung und betrifft die Gabe von Nahrung distal der Mundhöhle über eine Sonde oder ein Stoma.

i.        Parenterale Ernährung
Teilbereich der künstlichen Ernährung und betrifft die intravenöse Gabe von Flüssigkeit und Nährstoffen.

j.        Diätberatung
Individuelles oder gruppenbezogenes Ange­bot von Training, Information und Empfehlung. Ziel ist eine Ernährungsmodifika­tion, um die Nährstoffaufnahme oder -toleranz nachhaltig zu verbessern.

k.      Ernährungsintervention
Eine individualisierte, definierte und gezielte Ernähr­ungsmaßnahme.

l.        Ernährungstherapie
Ernährungsintervention mit klarer therapeutischer Ausrichtung.

m.    Künstliche Ernährungstherapie
Definiert als Ernährungstherapie unter alleiniger oder supplementierender Anwendung von oral bilanzierten Diäten, Sondennahrungen oder parenteraler Ernährung.

n.      Ernährungsplan
Schema, das für jede Ernährungsintervention oder   -therapie erforderlich ist.

4. Produkte und Techniken für die orale Nahrungssupplementation

a.      Techniken der Sondenernährung
Definiert die unterschiedlichen Techniken der Sondenernährung näher.

b.      Orale bilanzierte Diäten (OBD) und Sondennahrungen
OBD: kommerziell erhältliche Produkte zur oralen Nahrungssupplementation;
Sondennahrung: kommerziell erhältliche Produkte zur enteralen Ernährung.

c.       Vollbilanzierte Diäten
OBD oder Sondennahrungen, die aufgrund ihrer Zu­sammensetzung und der empfohlenen Tageszufuhrmengen als alleinige Nah­rungsquelle geeignet sind.

d.      Teilbilanzierte Diäten
OBD mit einer inkompletten Nahrungszusammensetzung.

e.      Hochmolekulare Diäten
OBD oder Sondennahrungen, die intakte Proteine, langkettige Triglyceride und Kohlenhydrate enthalten.

f.        Niedermolekulare Diäten
OBD oder Sondennahrungen, die teilhydrolisierte Proteine und mittelkettige Triglyceride enthalten.

g.      Elementardiäten
OBD oder Sondennahrungen, die freie Aminosäuren als Proteinquelle enthal­ten.

h.      Standardnahrungen
OBD oder Sondennahrungen, deren Zusammensetzung hinsichtlich Makro- und Mikronährstoffen den Referenzwerten einer bedarfsgerechten Aufnahme für die gesunde Bevölkerung entspricht.

i.        Krankheitspezifische Nahrungen
OBD oder Sondennahrungen mit einer Makro- und Mikronährstoffzusammensetzung adaptiert für eine krankheits- und stoffwechselspezifische Ernähr­ung.

j.        Zusätzliche Spezifikationen für orale bilanzierte Diäten und Sondennahrungen
Definiert zusätzliche Spezifikationen für OBD und Sondennahrungen näher.

5. Produkte und Techniken für die parenterale Ernährung

a.      Techniken der parenteralen Ernährung
Definiert die einzelnen Methoden der parenteralen Ernährung.

b.      Totale parenterale Ernährung (TPE)
Verabreichung aller Nährstoffe über den parenteralen Weg, d.h., es kommt zu keiner signifikanten oralen oder enteralen Zufuhr von Nahrung.

c.       Supplementierende parenterale Ernährung (SPE)
SPE heißt, dass bei unzureichender oraler oder enteraler Ernährung auch parenteral ernährt wird.

d.      Heimparenterale Ernährung (HPE)
HPE heißt, dass die parenterale Ernährung im ambulanten Bereich stattfindet.

e.      Gesamtnährlösung (GNL)
Gesamtnährlösungen enthalten alle Komponenten der parenteralen Ernährung in einem einzigen Behältnis. Es ergeben sie dadurch vor allem hygienische Vorteile.

f.        Mehrkammerbeutel
Dienen der Steigerung der Stabilität parenteraler Nährlösungen, indem sie Komponenten voneinander trennen.

g.      Mehrflaschensysteme
Verabreichungsform der parenteralen Ernährung, in der Aminosäurelösungen, Glucoselösungen und Fettemulsionen parallel aus sepera­ten Flaschen infundiert werden. Es ergeben sich dadurch vor allem hygienische Vorteile.

 

 

Conclusio

Eine einheitliche Nomenklatur im klinischen Bereich ist wichtig, vereinfacht Diskussionen und soll die Patientenversorgung unterstützen. Die Zusammenstellung einheitlicher Definitionen über die DGEM ist daher sehr zu befürwor­ten. Bei einigen Definitionen erscheint allerdings eine weitere Spezifizierung wünschenswert. So wäre zum Beispiel eine Ergänzung zur Definition „Ernährungsmedizin“ denkbar: „Ernährungsmedizin meint alle Maßnahmen, die mit Ernährung nachweisbar den Gesundheitszustand verbessern können bzw. dazu beitragen können, Krankheiten oder sub-optimale Gesundheit zu vermeiden.“ Alles in allem bietet diese Leitlinie jedoch einen guten und ausführlichen Überblick über die einzelnen Fachbegriffe der klinischen Ernährung.

 

 

Literatur:

Valentini L., Volkert D., Schütz T., Ockenga J., Pirlich M., Druml W., Schindler K., Ballmer P.E., Bischoff S.C., Weimann A., Lochs H. Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin (DGEM): DGEM-Terminologie in der Klinischen Ernährung , Aktuelle Ernährungsmedizin 2013; 385: 97-111

 

ÖAIE, Mag. Karin Gatternig, Univ.-Prof. Dr. Kurt Widhalm

Expertenbericht