Prädiabetes & Ballaststoffe

Prädiabetes oder auch intermediäre Hyperglykämie werden als ein Stadium definiert, welches dem Beginn eines Diabetes mellitus Typ 2 um Jahre vorausgehen kann. Diesem Stadium liegen eine zunehmende Insulinresistenz, gefolgt von einer Fehlfunktion der Beta-Zellen des Pankreas und chronisch entzündliche Prozesse an den Gefäßwänden zugrunde.

Daniela Toure-Demmerer*

 

Da Prädiabetes als „Grauzone“ zwischen einem gesunden Stoffwechsel und dem Diabetes mellitus selbst nicht als krankhaft eingestuft wird und meist ohne Symptome verläuft, werden leicht erhöhte Blutzuckerwerte sowohl von Arzt als auch von Patient nicht selten ignoriert. Doch gerade in diesem Stadium könnte durch eine Anpassung des Lebensstils (Ernährung, Reduzierung des Körpergewichts und Bewegung) die Entwicklung einer Erkrankung verzögert oder sogar verhindert werden. Der Prädiabetes ist meist keine isolierte Erscheinung, sondern in das sogenannte metabolische Syndrom eingebettet – eine „Schieflage“ des Stoffwechsels, welche weltweit immer häufiger auftritt, da unser Körper auf die Kombination von Nahrungsüberfluss und Bewegungsmangel nicht eingestellt ist.

Für den Prädiabetes (Insulinresistenz) gibt es unterschiedliche Klassifikationssysteme. Die American Diabetes Association (ADA) hat folgende diagnostische Kriterien definiert (Parameter gemessen im venösen Plasma):

  • IGT („impaired glucose tolerance“, eingeschränkte Glukosetoleranz):
  • <7,0mmol/l (nüchtern); 7,8 – 11,0mmol/l (2h-Wert im oralen Glukosetoleranztest [OGTT])
  • IFG („impaired fasting glucose“, Nüchternhyperglykämie): 5,6 – 6,9mmol/l
  • HbA1c: 5,7 – 6,4%

Viele Menschen mit eingeschränkter Glukosetoleranz weisen keine Nüchternglykämie auf und umgekehrt. Liegt sowohl eine IGT als auch eine IFG vor, kann dies auf eine weiter fortgeschrittene Störung der Glukosehomöostase hinweisen. Die Prävalenzen von IFG und IGT variieren in unterschiedlichen ethnischen Gruppen, beide Störungen werden jedoch bei über 40-Jährigen öfter beobachtet. Männer sind häufiger von einer IFG betroffen als Frauen, die Gründe hierfür sind noch unklar.

Prävalenz des Prädiabetes nimmt zu

Ungefähr 5 bis 10% der Prädiabetiker entwickeln jährlich einen Diabetes mellitus, wobei die Konversionsraten je nach Population und Prädiabetesdefinition variieren. Prädiabetiker haben Studien zufolge ein höheres Risiko, einen Diabetes mellitus zu entwickeln. Beispielsweise sollen dem bevölkerungsbasierten National Health and Nutrition Examination Survey (NHA-NES) zufolge von den über 20-jährigen US-Amerikanern in den Jahren 2005 bis 2008 35% einen Prädiabetes aufgewiesen haben; bei den über 65-jährigen waren es sogar 50%. Experten gehen davon aus, dass die Häufigkeit des Prädiabetes weiterhin zunehmen wird und dass bis zum Jahre 2030 weltweit etwa 472 Millionen Menschen eine eingeschränkte Glukosetoleranz aufweisen werden.

Ernährungsassoziierte Erkrankungen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, chronische Erkrankungen der Leber und anderer Verdauungsorgane, diverse Krebserkrankungen und Diabetes mellitus sind in allen westlichen Industriestaaten wesentliche Ursachen für Morbidität und Mortalität. Zu den acht häufigsten Risikofaktoren für die sogenannte Krankheitslast (DALY) zählten in Europa bereits 2004 – basierend auf den Global Burden of Disease (GBD) Daten – Bluthochdruck (11,3%), Adipositas (7,8%), Bewegungsmangel (5,5%) und u.a. hoher Blutzucker (4,8%).

Auch folgende Zahlen aus dem Jahr 2013 verdeutlichen die Relevanz. Diabetes hat in der österreichischen Bevölkerung über 14 Jahre bereits eine Prävalenz von 8 bis 9%, davon entfällt mit ca. 90% der überwiegende Anteil auf Typ-2-Diabetes. Schätzungen zufolge leben in Österreich 570.000 bis 645.000 Menschen, die an einer Form von Diabetes erkrankt sind. In Deutschland sind etwa 6 Millionen Menschen an Diabetes erkrankt, davon rund 95% an Typ-2-Diabetes. Europaweit leben schätzungsweise bereits 53 und weltweit in etwa 370 Millionen Menschen mit Diabetes.

Jedoch nicht alle Menschen, bei denen erwähnte labordiagnostische Werte vorliegen, müssen zwangsläufig einen manifesten Typ-2-Diabetes entwickeln. Die Chance zur Normalisierung des Stoffwechsels ist bei Prädiabetikern viel höher als wenn sich bereits eine Diabeteserkrankung etabliert hat. Die Ursachen für eine Insulinresistenz sind noch nicht genau geklärt. Es wird in der medizinischen Fachwelt mittlerweile davon ausgegangen, dass Insulinresistenz durch die Kombination mehrerer Faktoren zustande kommt.

Die Rolle der Ernährung

Neben einer regelmäßigen Bewegung, welche die Insulinsensitivität der Zellen erhöhen kann, spielt die Ernährung eine gewichtige Rolle. Große Mengen zuckerhaltiger Nahrungsmittel und Getränke sowie stark verarbeitete und somit nährstoffarme Nahrungsmittel tragen zu Typ-2-Diabetes maßgeblich bei. Da es bei einer derartigen Ernährungsweise ständig zu einem sehr starken Anstieg des Blutzuckerspiegels kommt, muss die Bauchspeicheldrüse entsprechend viel Insulin zur Verfügung stellen. Ist der Körper über viele Jahre hinweg diesen hohen Insulinbelastungen ausgesetzt, führt dies unweigerlich zu einer Insulinresistenz – es ist nur eine Frage der Zeit.

Ballaststoffe und Mikrobiota

In den letzten Jahren ist die Gruppe der Ballaststoffe (Nahrungsfasern) verstärkt in den Mittelpunkt gesunder Ernährung gerückt, was auf die Vielzahl der diskutierten und teilweise nachgewiesenen positiven Wirkungen auf den menschlichen Stoffwechsel zurückzuführen ist. Ballaststoffe beeinflussen die Funktion des gesamten Magen-Darm-Trakts, wodurch sich Auswirkungen auf den Gesamtorganismus ergeben. Zudem wurden neue Erkenntnisse über Nahrungsfasern in verschiedenen Lebensmitteln gewonnen. Besonderes Interesse gilt heute der Tatsache, dass einige dieser Nahrungsfasern die Insulinsensitivität beim Menschen erhöhen und Krankheiten wie Diabetes mellitus Typ 2, Übergewicht und Adipositas vorbeugen. Bereits bekannt ist, dass Nahrungsfasern die Energiedichte der Nahrung reduzieren. Lösliche Ballaststoffe beeinflussen die Mikrobiota (Darmflora) im Darm positiv und wirken günstig auf die LDL-Cholesterin-Konzentration im Blut.

Die Fortschritte in der Genanalyse haben es möglich gemacht, die Zusammensetzung der Darmflora genauer zu untersuchen, wobei sich immer deutlicher herausstellt, dass die Ernährung die Mikrobiota auf Dauer verändern kann. Die Veränderung der Darmflora könnte somit auch an der Entwicklung des Typ-2-Diabetes beteiligt sein, beispielsweise wenn die Darmbakterien die Resorption von Glukose über die Darmmukosa verändern. Durch die Epidemiologie konnte in den letzten Jahren bestätigt werden, dass eine hohe Zufuhr unlöslicher Ballaststoffe mit einem geringeren Körpergewicht und einer geringeren Inzidenz von Koronaren Herzkrankheiten oder Diabetes Typ 2 einhergeht.

Ballaststoffe sind die Hauptenergiequelle der Darmbakterien und beeinflussen die Zusammensetzung der Mikrobiota wie bereits erwähnt positiv. Kurzkettige Fettsäuren als Endprodukte der bakteriellen Fermentation zeigen anti-entzündliche Wirkungen und günstige Einflüsse auf den Lipid- und Kohlenhydratstoffwechsel. Trotz der individuellen Zusammensetzung der Darmflora aus über 400 bekannten, im Darm lebenden Spezies sind bei bestimmten Erkrankungen typische Veränderungen nachzuweisen. Es wird derzeit erforscht, inwieweit sich künftig die Mikrobiota-Analyse als Diagnoseinstrument für den Nachweis bestimmter Krankheiten nutzen lässt.

Besonders eindrucksvoll liegt heute der Zusammenhang zwischen Nahrungsfasern und Typ-2-Diabetes auf der Hand. Verantwortlich dafür sind die im Darm gebildeten Peptidhormone „Peptid YY“ (appetitsenkendes Hormon PYY) und GLP-1 (Glucagon-like-peptide 1) sowie sogenannte FFA-2-Rezeptoren (free fatty acid receptor 2). Sie beeinflussen die Insulinsensitivität in den Geweben, welche möglichst hoch sein soll, damit die Bauchspeicheldrüse nur wenig Insulin produzieren muss, um den Blutzuckerspiegel auf einem günstigen Niveau zu halten. Unlösliche Ballaststoffe verlangsamen den Anstieg des Blutzuckers und bieten somit eine Möglichkeit, chronischen Krankheiten vorzubeugen.

Weiters konnte in Studien nachgewiesen werden, dass eine sehr proteinreiche Ernährung offenbar zur Aktivierung eines Signal-Enzyms, der S6-Kinase, führen kann, welches die Insulinwirkung hemmt, wodurch der Zuckerstoffwechsel gestört und das Entstehen von Diabetes gefördert werden kann. Unlösliche Ballaststoffe bewirken das Gegenteil und sind fähig, die „negative Proteinwirkung“ aufzuheben, was vermutlich damit zu tun hat, dass sie die Abbauprozesse im Dickdarm verändern.

Die Ballaststoffe, welche den Lipidstoffwechsel in der Leber sowie die Ausschüttung von Hormonen mit Auswirkungen auf Darmpassagezeit, Insulinsensitivität und Sättigungsgefühl beeinflussen, stellen eine Möglichkeit im Zuge der Ernährung dar, der Manifestation eines Diabetes mellitus Typ 2 und vor allem etwaiger chronischer Folgeerkrankungen entgegenzuwirken. Wenn die Blutzuckerwerte im Bereich des Prädiabetes liegen, sollte diesen auf jeden Fall Beachtung geschenkt werden. Bereits Menschen im prädiabetischen Stadium können Endorganschäden beispielsweise an Augen, Nieren, Blutgefäßen und am Herzen aufweisen und je höher die konstanten Glukosewerte sind, desto gravierender sind die Spätfolgen, die durch hohe Blutzuckerspiegel ausgelöst werden.

Messbare Erfolge

Wissenschaftliche Studien haben in den letzten Jahren auch neue Laborparameter evaluiert und validiert – zum einen, um frühzeitig prädiabetische Stadien zu erkennen und zum anderen, um den Erfolg gesetzter Interventionen im Verlauf beurteilen zu können. Neben den Parametern Blutglukose und HbA1c werden in zunehmenden Maße zusätzlich die Biomarker Adiponektin, Insulin, Proinsulin und Leptin sowie inflammatorische Marker (hochsensitives CRP, PAI-1, TNF-alpha, IL-6 und IL-8) zur Diagnostik der Insulinresistenz und β-Zellfunktion der Bauchspeicheldrüse eingesetzt.

Primäres Ziel von Lebensstilinterventionen ist es, die Entwicklung eines Typ-2-Diabetes sowie diabetesassoziierte Folgeerkrankungen zu verhindern oder hinauszuzögern. Adipositas und körperliche Inaktivität sind die beiden wichtigsten modifizierbaren Risikofaktoren für Diabetes, weshalb Änderungen des Lebensstils auf diese beiden Faktoren abzielen. Die Finnish Diabetes Prevention Study und das US-amerikanische Diabetes Prevention Programm (DPP) mit einer Nachbeobachtungszeit von 3 Jahren berichten über eine Risikoreduktion von 58%, nachdem Maßnahmen zur Gewichtsreduktion, eine Ernährungsumstellung und vermehrte körperliche Aktivität vorgenommen worden waren.

 

* Mag. Daniela Toure-Demmerer, Leiterin Wissensmanagement, Biogena Naturprodukte GmbH & Co KG, Millergasse 35, 1060 Wien

 

Literatur:

Tabák AG et al.: Prediabetes: A high-risk state for developing diabetes, Lancet 2012; 379(9833): 2279-2290

Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) und diabetesDE, gemeinsame Pressemitteilung vom 15.07.2014

Griebler et al. (Hrsg.) Bundesministerium für Gesundheit 2013: Zivilisationskrankheiten

Institut Danone Ernährung für Gesundheit e.V. (IDE), Pressemeldung vom 10.07.2013

Leigh Perreault MD et al.: Regression from Pre-diabetes to Normal Glucose Regulation is Associated with Long-term Reduction in Diabetes Risk: Results from the Diabetes Prevention Program Outcomes Study, Lancet 2012; 379: 2243-2251

Mahowald MA et al.: Characterizing a model human gut microbiota composed of members of its two dominant bacterial phyla, Proc Natl Acad Sci U S A 2009; 106: 5859-5864

Schöndorf T et al.: Personalisierte Medizin in der Diabetologie: Wenn nicht jetzt, wann dann? Diabetes, Stoffwechsel und Herz 2011; Jg 20, Heft 2: 107-110

Basaran Y et al.: Comparison of Gut Microbiota in Obese, Diabetic, and Healthy Control Individuals, ICE/Endo 2014, Chicago, Juni 2014

 

 

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