Screening & Register für Familiäre Hypercholesterinämie

Nach wie vor ist die Familiäre Hypercholesterinämie auch hierzulande unterdiagnostiziert und untertherapiert. Ein multidisziplinäres Projekt der Österreichischen Atherosklerosegesellschaft in Zusammenarbeit mit relevanten Fachgesellschaften und der österreichischen Patientenorganisation FHchol Austria soll nun Abhilfe schaffen.

Gabriele Hanauer-Mader

 

Die Familiäre Hypercholesterinämie (FH), eine autosomal-dominante genetische Lipidstoffwechselstörung mit mittlerweile über 1.700 bekannten Mutationen, manifestiert sich durch erhöhte LDL-Cholesterin-Konzentrationen von Kindheit an. Bei der relativ häufigen heterozygoten FH – nunmehr geschätzte Prävalenz 1:200 – liegen die Ausgangs- LDL-C-Konzentrationen bei Kindern laut Simon-Broome-Kriterien zwischen 155 und 400 mg/dl, im Dutch Lipid Clinic Network Score werden bereits 130 mg/dl (>95. Perzentile) als diagnostisch relevant angesehen. Bei der seltenen homozygoten FH (Prävalenz ca. 1:650.000) die LDL-C-Konzentrationen oft über 1.000 mg/dl liegen. In Österreich könnten bis zu 40.000 Menschen von FH betroffen sein. Der Großteil der Betroffenen weiß allerdings nichts davon.

Erstmals beschrieben wurde die FH 1938 vom norwegischen Arzt Carl Müller. 1976 folgte die Entdeckung des LDL-Rezeptorgens durch Joseph L. Goldstein und Michael S. Brown, die 1985 dafür den Nobelpreis für Medizin und Physiologie erhielten. Der Zusammenhang zwischen genetisch bedingtem erhöhten Cholesterin und frühzeitigen kardiovaskulären Erkrankungen ist also bereits seit über 40 Jahren bekannt. Dennoch werden erhöhte LDL-Cholesterin-Konzentrationen mitunter immer noch bagatellisiert.

Die meisten FH-verursachenden Mutationen finden sich im LDL-Rezeptorgen (60–80 %). Weitere bisher bekannte Gene, die mit erhöhten LDL-Konzentrationen in Zusammenhang stehen, sind APOB (1–5 %), PCSK9 (0–3 %) und die rezessiv vererbten Mutationen in LDLRAP1 (0–1 %). Jedoch ist davon auszugehen, dass FH auch noch durch andere, bislang nicht identifizierte Genmutationen, verursacht wird (20–40 %).

Aufgrund des Gen-Defekts und des daraus resultierenden mangelnden Abbaus von LDL-C-Cholesterin kommt es zu erhöhten LDL-C-Konzentrationen im Blut, was bereits im Kindesalter zu atherosklerotischen Veränderungen führen kann. Wird die FH nicht möglichst früh diagnostiziert und – wenn notwendig – medikamentös therapiert, drohen kardiovaskuläre Erkrankungen in jungen Jahren, bei homozygoter FH nicht selten bereits im Kindesalter. Neben gut wirksamen Medikamenten – allen voran Statinen – spielt der Lebensstil mit ausreichend Bewegung und entsprechender gesunder Ernährung eine nicht zu unterschätzende Rolle. Als erprobte Ernährungsweise bei FH hat sich die mediterrane Diät mit gesunden Ölen, viel Gemüse, Nüssen, Hülsenfrüchten sowie mehr Fisch als rotem Fleisch bewährt.

Rechtzeitige Diagnose essenziell

Die Diagnose einer FH erfolgt im Rahmen des Registers für Familiäre Hypercholesterinämie bei Erwachsenen anhand des Dutch Lipid Clinic Network Scores, bei Kindern in der Regel anhand der Simon-Broome-Kriterien. Eine FH ist demnach wahrscheinlich, wenn

  • die LDL-C-Konzentrationen über 190 mg/dl (bei Kindern über 155 mg/dl) oder Gesamtcholesterin über 310 mg/dl (bei Kindern über 230 mg/dl) liegen,
  • frühzeitige kardiovaskuläre Erkrankungen in der Familie auftraten,
  • FH in der Familie bekannt ist,
  • Xanthome, Xanthelasmen oder Arcus Lipoides Corneae vorliegen.

Eine möglichst frühzeitige Diagnose ist bei FH essenziell. Denn kardiovaskuläre Erkrankungen sind nach wie vor die häufigste Todesursache in Österreich (und weltweit). Ungefähr vier Prozent aller Personen, die vor dem 60. Lebensjahr einen Herzinfarkt oder Schlaganfall haben, sind von Familiärer Hypercholesterinämie betroffen. Und mit einer unbehandelten FH ist das Risiko, eine kardiovaskuläre Erkrankung zu erleiden, 8-fach erhöht! Prävention statt Reparaturmedizin steht demnach im Vordergrund.

Register & Kaskaden-Screening

Das ist auch das Credo des „Fass dir ein Herz” Register & Kaskaden-Screenings für Familiäre Hypercholesterinämie unter dem Dach der österreichischen Atherosklerosegesellschaft. Ausgehend davon, dass es in Österreich bislang keine systematischen Programme zur frühzeitigen Identifizierung von Personen mit sehr hohem Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen gab und Betroffene von FH bereits in jungen Jahren Atherosklerose und in der Folge Herzinfarkt & Co. entwickeln können, wurde das FH-Register 2015 als Pilotprojekt an den Medizinischen Universitäten in Wien, Graz und Innsbruck etabliert. Mittlerweile umfasst es österreichweit auch noch folgende Institutionen: Wilhelminenspital, Rudolfstiftung und Österreichisches Akademisches Institut für Ernährungsmedizin in Wien; die Landeskrankenhäuser Feldkirch und Bregenz in Vorarlberg sowie das Universitätsklinikum Krems in Niederösterreich. Weitere Partner in Österreich sollen ehest folgen. Projektleiter des FH-Registers ist Univ.-Prof. DDr. Christoph Binder, der die Agenden vom „Fass dir ein Herz”-Initiator, Univ.-Prof. Dr. Hans Dieplinger, im Mai 2017 übernommen hat.

„Ziel und Methodik des FH-Registers ist es, ausgehend von einem Indexpatienten mittels Kaskaden-Screening erst- und zweitgradige Verwandte des Patienten zu untersuchen und bei erfolgter Diagnose einer frühzeitigen Behandlung zuzuführen”, erklärt Binder. „Spezielle Bedeutung für die optimale Prävention von kardiovaskulären Erkrankungen hat die molekulargenetische Untersuchung, durch die eine FH-Diagnose gesichert wird.”

Bisher wurden rund 600 Patientinnen und Patienten in das FH-Register eingeschlossen. Eintragungen der Patientendaten in die Datenbank AskiMed sind anonym und unterliegen dem österreichischen Datenschutzgesetz bzw. der neuen EU Datenschutz-Grundverordnung.

Eine erste größere Auswertung der bisherigen Register-Daten wurde auf der Jahrestagung der Österreichischen Atherosklerosegesellschaft im Mai in St. Gilgen präsentiert.

Patientenorganisation FHchol Austria

Die FH-Register-Initiative der Österreichischen Atherosklerosegesellschaft startete in enger Zusammenarbeit mit verwandten wissenschaftlichen Disziplinen und Gesellschaften sowie mit FHchol Austria, der Patientenorganisation für Patienten mit Familiärer Hypercholesterinämie oder verwandten genetisch bedingten Stoffwechselstörungen (www.fhchol.at).

Gabriele Hanauer-Mader, Obfrau von FHchol Austria und Koordinatorin des FH-Register-Projekts, ist selbst betroffene Mutter. Ihre Tochter wurde im Alter von 2 Jahren mit einer schweren heterozygoten FH diagnostiziert, die LDL-Konzentration lag damals bei 450 mg/dl. Vater, Onkel, Großmutter und viele weitere Verwandte der Tochter aus der väterlichen Linie hatten bereits in ihren Dreißigern und Vierzigern Herzinfarkte und/oder Bypass-Operationen erlitten. Dieses Schicksal will Hanauer-Mader ihrer Tochter und vielen anderen Betroffenen ersparen.

„Das Bewusstsein für genetisch bedingte Stoffwechselstörungen wie beispielsweise FH ist nach wie vor gering. Genau das wollen wir von FHchol Austria mit Awareness-Kampagnen und intensiver Zusammenarbeit mit ÄrztInnen und WissenschaftlerInnen ändern”, erklärt Hanauer-Mader. „Warum wollen wir das ändern? Weil es gilt, kardiovaskuläre Erkrankungen in jungen Jahren zu verhindern. Denn das Positive bei FH ist, dass diese – im Gegensatz zu anderen schweren Stoffwechselstörungen – heutzutage relativ einfach zu therapieren ist.”

So wurde Hanauer-Maders Tochter erfolgreich ab 4 Jahren mit Ezetimib und ab dem Alter von 6 Jahren mit einem Statin behandelt. Heute, mit 18 Jahren, hat sie ganz normale LDL-C-Konzentrationen und so auch ihre „Cholesterin-Jahre” erfolgreich reduziert.

Um andere Eltern und Betroffene zu unterstützen, gründete Hanauer-Mader bereits 2004 eine Selbsthilfegruppe, die 2011 in die als Verein organisierte Patientenorganisation FHchol Austria mündete. „Seither ist viel, aber immer noch nicht genug passiert”, sagt die Obfrau von FHchol Austria. „Wir arbeiten mit Fach- und Publikumsmedien, Fernseh- und Radiosendern zusammen, veranstalten Cholesterin-Schnelltests in Shopping Malls und Apotheken, laufen gemeinsam mit ÄrztInnen und WissenschaftlerInnen bei Lauf-Veranstaltungen wie dem Österreichischen Frauenlauf, betreiben Lobbying bei der Gesundheitspolitik und sehen uns als wichtige Partner der Ärzte- und Wissenschaft”, betont Hanauer-Mader. „Denn nur gemeinsam können wir erfolgreich erreichen, dass Familiäre Hypercholesterinämie möglichst schon im Kindesalter detektiert und, wenn notwendig, behandelt wird. Unsere Betroffenen sind die Gesichter der Familiären Hypercholesterinämie – und unser Ziel ist, dass diese niemals einen Herzinfarkt oder Schlaganfall erleiden müssen.”

 

Kontakt

FH Register der Österreichischen Atherosklerosegesellschaft (AAS) www.aas.at; Univ.-Prof. DDr. Christoph Binder, E-Mail: christoph.binder@aas.at; Gabriele Hanauer-Mader, E-Mail: g.hanauer@aas.at

FHchol Austria, Patientenorganisation für Patienten mit Familiärer Hypercholesterinämie oder verwandten genetisch bedingten Stoffwechselstörungen www.fhchol.at, E-Mail: info@fhchol.at

 

 

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