Wissenschaft vs. Fake News: Vom Umgang mit Risiken und deren Wahrnehmung

Man kann davon ausgehen, dass die negativen Auswirkungen von Fehlinformationen auf die öffentliche Gesundheit unterschätzt werden. Die Kommunkation von Risiken muss die Risikomündigkeit des Einzelnen erhöhen, damit diese auch richtig bewertet und wahrgenommen werden. Dazu ist die zielgruppenspezifische Aufbereitung evidenzbasierter Informationen und deren adäquate Verbreitung erforderlich.

In der digitalisierten Welt gibt es eine enorme Informationsflut. Computer, Internet und soziale Medien ermöglichen jedem und jederzeit, Informationen sofort und weltweit zu kommunizieren.

Die ÖsterreicherInnen nutzen vorwiegend Fernsehen, klassische Medien und Internet, um sich über Risiken zu informieren und vertrauen dabei der Wissenschaft am meisten [1, 2], wobei auch das Misstrauen gegenüber wissenschaftlicher Kommunikation durch die Weiterverbreitung von irreführenden und verzerrten Informationen zunimmt [3]. Sowohl in klassischen als auch in Online-Medien werden wissenschaftliche Informationen falsch, verzerrt oder übertrieben dargestellt. Eine Analyse von 990 Gesundheitsbeiträgen in österreichischen Print- und Online-Medien ergab, dass nur elf Prozent auch dem tatsächlichen wissenschaftlichen Ergebnis entsprechen [4]. Prinzipiell kann davon ausgegangen werden, dass negative Auswirkungen von Fehlinformationen auf die öffentliche Gesundheit unterschätzt werden [5].

Wissenschaftliche Informationen sind evidenzbasiert und beinhalten Unsicherheiten und Wahrscheinlichkeiten, die oft schwer verständlich und für fachunkundige Personen nicht nachvollziehbar sind. Fake News hingegen sind aufgrund ihres Framings leicht verständlich und verbreiten sich speziell in den sozialen Netzwerken ungleich rasch. Auf Twitter konnte festgestellt werden, dass die Verbreitung von Falschmeldungen signifikant schneller und weiter erfolgt als von wahren Nachrichten, wenngleich dieser Trend bei Nachrichten aus der Wissenschaft geringer ausgeprägt ist als bei politischen Nachrichten [6].

„Richtige“ Fake News, die in manipulativer Absicht mit seriösem Anschein erfundene oder weitgehend erfundene Falschmeldungen verbreiten, sind weniger häufig anzutreffen als Desinformationen durch selektive Informationsweitergabe, Faktensuggestion, Generalisierung und Zuspitzung. Auch das Ignorieren oder Unterdrücken von bekanntem Wissen (eminenzbasiert statt evidenzbasiert) führt durch ein scheinbares Nichtwissen zu Falschinformationen [7].

Fake News sind sehr oft mit einem hohen Ausmaß an Emotionen besetzt und beeinflussen so auch die Risikowahrnehmung des Einzelnen wesentlich, insbesondere wenn die Falschaussage als solche nicht erkannt oder wahrgenommen wird.

Subjektive Risikoeinschätzung

Die Risikobewertung eines Individuums hängt von der subjektiven Wahrnehmung ab und das subjektiv eingeschätzte Risiko ist unabhängig von der messbaren Eintrittswahrscheinlichkeit. Eine Risiko-Nutzen-Analyse, die Betroffenheit, die Vertrautheit eines Risikos, aber auch die Kontrollierbarkeit, sind neben der Art und des Ausmaßes des Schadens und dem Zeitpunkt des Schadenseintrittes wesentliche Faktoren des subjektiven Risikos. Prinzipiell werden Risiken eher akzeptiert, wenn sie freiwillig eingegangen werden (Rauchen, Fehlernährung), ein direkter persönlicher Nutzen (Bequemlichkeit, Status) damit in Verbindung steht, aber auch wenn sie eine Herausforderung oder einen Nervenkitzel (Sport) darstellen und ihre möglichen Auswirkungen zeitlich verzögert auftreten (Überernährung). Bei Fremdbestimmung (Umweltkontaminanten, Rückstände von Pflanzenschutzmitteln und Antibiotika, Zusatzstoffe in Lebensmitteln) oder auch bei schwer verständlichen oder unnatürlichen Risiken (Gentechnik, Strahlung) vermindert sich die Akzeptanz.

Je nach Risikosituation und -kontext bestehen unterschiedlich ausgeprägte Diskrepanzen zwischen der gesellschaftlichen, der individuellen und der Risikowahrnehmung durch ExpertInnen. Es sind nicht immer die Themen, die aus wissenschaftlicher Sicht auch tatsächlich ein Risiko darstellen, die die Bevölkerung beunruhigen beziehungsweise besorgen. So besorgen die ÖsterreicherInnen beim Thema Gesundheit vor allem endokrine Disruptoren und Antibiotikarückstände in Lebensmitteln, wohingegen die Fehl- und Überernährung viel weniger und krankmachende Keime am wenigsten Besorgnis erzeugen [2, 3] (Abb 1, 2).

Resistenz gegen Fake News

  • Um Fake News und Desinformationen entgegenzuwirken, zählt zu den größten Herausforderungen in der Kommunikation, in erster Linie immer evidenzbasierte Studienergebnisse, Risikobewertungen und Empfehlungen praxisnahe darzustellen. Wichtig ist, nicht Angst und Unsicherheit hervorzurufen, sondern Bewusstsein für bestehende Risiken zu schaffen und Anleitungen zum richtigen Umgang mit Risiken zu geben. Im Ernährungsbereich ist es auch wichtig, dass es bei speziellen Themen wie zum Beispiel Veganismus zu keiner Stigmatisierung durch die explizite oder implizite Darstellung als anormale Ernährungsform kommt, sondern die möglichen Risiken einer Unterversorgung aufzuzeigen und entsprechende Handlungsanweisungen zu geben. Zukünftig bedarf es auch Online-Strategien von WissenschaftlerInnen, um Kampagnen von Fehl- und Desinformation entgegenzuwirken, die unweigerlich auf die Veröffentlichung von Erkenntnissen erfolgen [3].
  • Eine weitere Herausforderung ist der Umgang mit Wissen, insbesondere mit neuem Wissen. Dieses darf nicht zu scheinbarem Nichtwissen werden. Neues Wissen kann zum wissenschaftlichen Diskurs führen, der aber auf der Wissenschaftsebene abgehalten werden sollte und nicht in der Öffentlichkeit, um Verunsicherungen zu vermeiden. Konsens finden und einheitlich kommunizieren ist erforderlich. Hier gilt es, die Glaubwürdigkeit zu erhalten. Eine zusätzliche Herausforderung ist auch der rationale Diskurs in Zusammenhang mit der kognitiven Dissonanz. Die unterschiedlichen Überzeugungen, Gefühle und Werte stehen den Entscheidungen, Handlungen und Informationen gegenüber. Hier müssen mit Hilfe von Kommunikation Kompromisse zwischen den Interessensgegensätzen und Wertkonflikten erzielt werden [8].
  • Eine erfolgreiche Kommunikation muss den Weg vom Wissen zum Handeln durch einheitliche, zielgruppenspezifische Informationen, die auch individuelle Vorlieben und Gewohnheiten berücksichtigen, unterstützen. Realistische Empfehlungen können über neue Medien praxisnah veranschaulicht werden und die Basis für eine informierte Handlungsentscheidung bilden. Das Bewusstmachen von Unterschieden zwischen Wissen und Nicht-Wissen kann auch dazu beitragen, die Resistenz gegenüber Fake News zu erhöhen.
  • Um dem Wunsch der Laien gerecht zu werden, sollten wissenschaftliche Ungewissheiten bezüglich Risiken mitkommuniziert werden und Informationen über neu auftretende Risiken frühzeitig publiziert werden, auch wenn es noch Unsicherheiten gibt.
  • Nun hängt die Bewertung und Einordnung von Informationen aber nicht nur von der vermittelten Wahrscheinlichkeit und messbaren Folgen ab, sondern auch von der Gestaltung der Informationen. Daher ist die Vermittlung von Gefahren und Risiken inklusive Framing, Risikodarstellung (absolute statt relative Risiken) und Verständlichkeit von besonderer Bedeutung, um mögliche Kommunikationsprobleme zu verhindern. Dazu zählen zum Beispiel skandalisierende oder stigmatisierende Beiträge, praxisferne, irreführende Darstellungen oder auch die Überforderung der Zielgruppe.
  • Neben der Verständlichkeit sind Glaubwürdigkeit, Kompetenz, Konsistenz, Offenheit und Transparenz die Grundlage einer professionellen Risikokommunikation, um das Vertrauen bei den AdressatInnen zu erhöhen, ihre Urteils- und Handlungsfähigkeit sowie ihre Entscheidungen zu erleichtern, um so den Weg vom Wissen zum Handeln zu unterstützen. Nur so ist es zukünftig möglich, dass Fake News leichter erkannt und nicht weiterverbreitet werden. Bedenken sollte man auch jedenfalls, dass Standpunkte, Überzeugungen und Risikowahrnehmungen durch Fake News, wenn sie durch Fakten widerlegt werden, noch vehementer vertreten werden (Confirmation-Bias).

 

Fazit

Die Kommunkation von Risiken muss die Risikomündigkeit des Einzelnen erhöhen, damit diese auch richtig bewertet und wahrgenommen werden. Für Risiken, die kaum beunruhigen, aber ein tatsächliches Risiko darstellen (pathogene Keime, Aflatoxine, Über- und Fehlernährung) muss auch weiterhin Bewusstsein geschaffen und evidenzbasierte Informationen zielgruppenspezifisch zur Verfügung gestellt werden.

 

 

Kontakt

Univ.-Doz. Dr. Ingrid Kiefer, Leitung des Fachbereichs Risikokommunikation, Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES), Spargelfeldstraße 191, 1220 Wien, www.ages.at

 

Referenzen

[1] Kiefer I, Fuchs K, Griesbacher A, Heimberger A, Benda-Kahri S, Enzinger S, Offenthaler I (2017). Risikobarometer. AGES Wissen aktuell online. doi: 10.23764/0010

[2] Kiefer I, Martha M, Adrian U, Stüger HP, Enzinger S, Benda-Kahri S (2018). Risikobarometer Umwelt & Gesundheit. AGES Wissen aktuell online. doi: 10.23764/0016

[3] Iyengar S, Massey DS (2019). Scientific communications in a post-truth society. Proc Natl Acad Sci U S A. 16; 116(16):7656-7661. doi: 10.1073/pnas.1805868115

[4] Kerschner B, Wipplinger J, Klerings I, Gartlehner G (2015). Wie evidenzbasiert berichten Print- und Online-Meiden in Österreich? Eine quantitative Analyse. Zeitschrift für Evidenz, Fortbildung und Qualität im Gesundheitswesen 109(4-5)341-349

[5] Peters A, Tartari E, Lotfinejad N, Parneix P, Pittet D (2018). Fighting the good fight: the fallout of fake news in infection prevention and why context matters. J Hosp Infect. 2018 Dec;100(4):365-370. doi: 10.1016/j.jhin.2018.08.001. Epub 2018 Aug 6.

[6] Vosoughi S, Roy D, Aral S (2018) The spread of true and false news online. Science 359(6380):1146-1151. doi: 10.1126/science.aap9559

[7] Wilkesmann M (2018). Der professionelle Umgang mit Nichtwissen. Einflussfaktoren auf der individuellen, organisationalen und organisationsübergreifenden Ebene Discussion papers des Zentrums für Weiterbildung Technische Universität Dortmund 01-2010 ISSN 1863-0294. https://www.researchgate.net/profile/Maximiliane_Wilkesmann/publication/47561473_Der_professionelle_Umgang_mit_Nichtwissen/links/5516e0c40cf2f7d80a39bdba.pdf

[8] Renn O, Schweizer PJ, Dreyer M, Klinke A (2007). Risiko. Über den gesellschaftlichen Umgang mit Unsicherheiten. Oekom Verlag, München

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