Restradioaktivität in Pfifferlingen

In Folge des Unfalls im Atomkraftwerk Tschernobyl in der Ukraine im Jahr 1986 wurden große Mengen radioaktiver Stoffe in die Atmosphäre freigesetzt und gelangten durch die Luftströmung unter anderem nach Österreich. Warum beschäftigen uns die Folgen dieses Unglücks nach 30 Jahren noch immer?

Martina Prokopetz*, Judith Erler*, Ulrike Auer, Martin Kuprian, Anna Elisabeth Purtscher

In Folge der Explosion im Block 4 des Kernkraftwerks in Tschernobyl gelangte eine Vielzahl von radioaktiven Stoffen in die Luft. Durch Niederschläge setzten sich die Radionuklide wie beispielsweise Jod-131, Cäsium-134 und Cäsium-137 (Cs-137) auf dem Erdboden ab und fanden so den Weg in die Nahrungskette. Besonders gut ist diese Kontamination in Waldpilzen nachzuweisen, da sie neben Wasser und Nährstoffen auch Radioaktivität aus dem Boden aufnehmen. Jod-131 hat eine relativ kurze Halbwertszeit von acht Tagen, Cäsium-134 eine Halbwertszeit von etwa zwei Jahren. Das bedeutet, dass diese Radionuklide heute nahezu vollständig zerfallen sind. Cs-137 ist mit einer Halbwertszeit von rund 30 Jahren deutlich langlebiger und dessen Aktivität hat sich heute, 30 Jahre nach der Tschernobyl-Katastrophe, erst um die Hälfte reduziert (1).

Die radioaktive Kontamination ist unter anderem vom Auftreten und der Stärke der Niederschläge während des Durchzugs der radioaktiven Luftmassen durch Österreich abhängig. Dadurch zeigen sich regionale Unterschiede des Cs-137-Gehalts im Boden, die in den beiden Karten des Umweltbundesamts von 1986 und 2016 ersichtlich sind (Abb. 1, 2) (2). Somit variiert die radioaktive Belastung der Pilze innerhalb Österreichs und hängt einerseits vom Cs-137-Gehalt im Boden und andererseits von der Pilzart ab (3).

Die fh gesundheit hat in einem Feldversuch Pfifferlinge auf Cs-137-Gehalt untersucht. Das Ziel dieses interdisziplinären Projektes der FH-Bachelor-Studiengänge Diaetologie und Radiologietechnologie war es, die Restradioaktivität von Cs-137 in Pfifferlingproben zu bestimmen, um herauszufinden, inwieweit der Verzehr bedenklich ist.

Zwei gesammelte Pfifferlingproben aus den Bezirken Innsbruck-Land und Landeck und eine im Lebensmittelhandel gekaufte Probe aus Litauen werden im August 2015 auf Restradioaktivität und Cs-137-Gehalt untersucht. Für die qualitative und quantitative Messung der Pilzproben wird ein Gammaspektrometer der Österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) an der Messstelle Innsbruck verwendet. Mittels der gammaspektrometrischen Messung ist die Bestimmung der in den Proben enthaltenen Nuklide und deren Aktivität in Becquerel pro Kilogramm (Bq/kg) möglich. Ein Becquerel entspricht einem radioaktiven Zerfall pro Sekunde (4).

Die Messergebnisse zeigen, dass sich in den untersuchten Pfifferlingen immer noch geringe Mengen an Cs-137 finden (Abb. 3). Die Probe aus dem Bezirk Innsbruck-Land weist einen Cs-137-Gehalt von 150,4 Bq/kg auf. In der Probe aus dem Bezirk Landeck sind 18,52 Bq/kg Cs-137 nachweisbar. In der Messprobe aus Litauen liegt der Gehalt von Cs-137 unterhalb der Nachweisgrenze von 2,4 Bq/kg. Der vom Bundesministerium für Gesundheit und Frauen (BMGF) herausgegebene Grenzwert für Lebensmittel beträgt 600 Bq/kg (5). Daraus resultiert, dass die Probe aus dem Bezirk Innsbruck-Land zu 75 % unter der höchstzulässigen Dosis liegt. Die Messergebnisse der Pfifferlinge aus dem Bezirk Landeck unterschreiten diesen Maximalwert von 600 Bq/kg zu 97 %, während die Probe aus Litauen unter der nachweisbaren Messgrenze liegt.

Ein Beispiel soll die Strahlenbelastung durch den Konsum von Pfifferlingen verdeutlichen: Werden bei einer Mahlzeit 200 g Pfifferlinge mit einem sehr hohen Cs-137-Gehalt von 3000 Bq/kg, sprich mit dem fünffachen Wert der höchsterlaubten Dosis, verzehrt, würde dies in etwa der Strahlenbelastung von einem Flug von Frankfurt nach Gran Canaria entsprechen (6).

30 Jahre nach dem Unglück in Tschernobyl sind die Strahlenfolgen immer noch messbar, denn das Radionuklid Cs-137 ist im Gedenkjahr 2016 erst zur Hälfte zerfallen. Leider blieb der Atomunfall in Tschernobyl kein Einzelfall, wie die Nuklearkatastrophe in Fukushima im März 2011 zeigt.

Die Resultate des Feldversuchs in Tirol liegen deutlich unterhalb des Grenzwerts von 600 Bq/kg (5) und decken sich mit den Ergebnissen des BMGF (7). Der markant niedrigere Gehalt von Cs-137 in den Pfifferlingproben aus Litauen kann mit der dort geringeren Niederschlagsmenge nach dem Reaktorunfall in Zusammenhang gebracht werden (8). Die Messerergebnisse verdeutlichen, dass der Verzehr von Pfifferlingen keine unmittelbare Gesundheitsgefahr durch die Belastung von Cs-137 darstellt. Vorsicht ist jedoch bei anderen Pilzsorten, wie beispielsweise bei Maronenröhrlingen, geboten, da diese teilweise weit höhere Cs-137-Werte von mehr als 1000 Bq/kg aufweisen können (3).

 

Martina Prokopetz, MA, fhg – Zentrum für Gesundheitsberufe Tirol GmbH, FH-Bachelor-Studiengang Radiologietechnologie (*equally contributed); Judith Erler, BSc, fhg – Zentrum für Gesundheitsberufe Tirol GmbH, FH-Bachelor-Studiengang Diaetologie (*equally contributed); Ulrike Auer, BSc, Absolventin des FH-Bachelor-Studiengangs Radiologietechnologie; Mag. Martin Kuprian, fhg – Zentrum für Gesundheitsberufe Tirol GmbH, FH-Bachelor-Studiengang Radiologietechnologie; Mag.a Anna Elisabeth Purtscher, fhg – Zentrum für Gesundheitsberufe Tirol GmbH, FH-Bachelor-Studiengang Diaetologie

 

Korrespondenz:

Martina Prokopetz, MA; martina.prokopetz@fhg-tirol.ac.at

Judith Erler, BSc; judith.erler@fhg-tirol.ac.at

 

Literatur:

1. Ditto M et al. Radioaktivität und Strahlung in Österreich: 2011 und 2012. Daten und Bewertung. Wien; 2013 [cited 2016 Nov 15]. Available from: URL: https://www.ages.at/fileadmin/AGES2015/Themen/Strahlenschutz_Dateien/Wild/radioaktivitaetsbericht_11_12_zusammengefuehrt.pdf.

2. Bundesamt für Strahlenschutz. Der Reaktorunfall 1986 in Tschernobyl. Salzgitter; 2016 [cited 2016 Nov 10]. Available from: URL: https://www.bfs.de/SharedDocs/Downloads/BfS/DE/broschueren/kt/bro-tschernobyl.pdf?__blob=publicationFile&v=6.

3. Kabai E, Hiersche L. Radioaktive Kontamination von Speisepilzen. Salzgitter: Bundesamt für Strahlenschutz; September 2015 [cited 2016 Nov 15]. Availablefrom: URL: doris.bfs.de/jspui/bitstream/urn:nbn:de:0221-2015092913543/3/BfS-SW-18-15_Speisepilze-2014_20150929-bf.pdf.

4. Rahn A. Strahlenschutz - Technik: Fachkundekurs für Strahlenschutzbeauftragte gemäß Fachkunderichtlinien Technik zur Strahlenschutzverordnung (StlSchV) und Röntgenverordnung (RöV). 2., überarb. Aufl. Heidelberg, München [u.a.]: Ecomed Sicherheit; 2012.

5. Cernohlawek N et al. Radioaktivität und Strahlung in Österreich: 2013 und 2014. Daten und Bewertung; 2016 [cited 2016 Nov 10]. Available from: URL: https://www.bmlfuw.gv.at/umwelt/strahlen-atom/strahlen-warn-system/umweltueberwachung.html.

6. Stelljes I. Cäsium-137 in der Nahrung: Bundesamt für Strahlenschutz; 2016 [cited 2016 Nov 16]. Available from: URL: https://www.bfs.de/DE/themen/ion/umwelt/lebensmittel/pilze-wildbret/cs137-nahrung.html.

7. Bundesministerium für Gesundheit und Frauen. Radioaktivität in Wildpilzen und Wildfleisch aus Österreich. [cited 2016 Nov 15]. Available from: URL: www.bmgf.gv.at/home/Schwerpunkte/Gesundheitsfoerderung_Praevention/Strahlenschutz/Radioaktivitaet_in_Wildpilzen_und_Wildfleisch_aus_Oesterreich.

8. Atlas of caesium deposition on Europe after the Chernobyl accident: Atlas zagrjaznenija Evropy ceziem posle černbylʹskoj avarii. Luxembourg: Off. for Off. Publ. of the Europ.Communities; 2001. (vol 19801).

Originalarbeit