Das große Ganze

Die langjährige Präsidentin des Verbandes der Diaetologen Österreichs, Andrea Maria Hofbauer, BSc, MBA, leitet seit zwei Jahren den Studiengang Diätologie am FH-Campus Wien. 2012 wurde ihr der Berufstitel „Professorin“ verliehen. Im Gespräch mit dem Journal für Ernährungsmedizin über Engagement, Ziele und Visionen.

JEM Die frühere Diätakademie in Wien war auf dem Gelände des Allgemeinen Krankenhauses, die FH ist fast am anderen Ende der Stadt. Hat das etwas zu bedeuten?

Prof. Hofbauer Sicher nicht im Sinn einer inhaltlichen Entfernung. Die FH für Gesundheitsberufe wurde aufgrund gesetzlicher Vorgaben dem neuen FH Campus Wien in Favoriten angeschlossen. Wir achten natürlich weiterhin auf eine gute Zusammenarbeit mit der Meduni Wien, auch wenn die räumliche Nähe nicht mehr gegeben ist. Abgesehen davon wurde erst vor kurzem auch ein Forschungs-Kooperationsabkommen mit dem Wiener Krankenanstaltenverbund geschlossen.

JEM Wie geht es mit der Akademisierung des Berufs voran?

In einem ersten Schritt konnten wir die Bachelorstudiengänge gut etablieren, in denen wir die Studierenden zur wissenschaftlichen Arbeitsweise hinführen. Die wissenschaftliche Kompetenz gehört mit der fachlich-methodischen und der sozialkommunikativen Kompetenz heute zum Qualifikationsprofil der Diätologen. Mit der Etablierung der Masterausbildung wurde begonnen. Die PhD-Ausbildung und ein eigener Lehrstuhl für Diätologie sind noch Visionen – für Österreich zumindest.

JEM Die Stationen Ihrer beruflichen Laufbahn wirken sehr logisch. War das geplant oder Schicksal?

Das war Schicksal, auch wenn ich immer Ziele vor Augen gehabt habe. Und ich hatte von Anfang an eine eigene Auffassung der Diätologie. Das war ein wichtiger Beweggrund, mich schon früh auf Verbandsebene zu engagieren. Ich wollte den Stellenwert des Berufs vorantreiben. Mir war bewusst, dass man dafür auf mehreren Ebenen ansetzen muss, das große Ganze sehen und nicht nur sein unmittelbares Umfeld. 

JEM Inwiefern war Ihr Verständnis des Berufs ungewöhnlich? 

Ich habe meine Ausbildung Anfang der 1980er Jahre absolviert, also zu einer Zeit, wo der Stellenwert der Diätassistentinnen eher „unspektakulär“ und die Zusammenarbeit mit den Ärzten keine Selbstverständlichkeit war. Ich habe unseren Beruf aber immer sehr nahe am Patienten gesehen. Sicher gibt es administrative Tätigkeiten, die unter anderem im Küchenbereich zu leisten sind und die auch wichtig sind. Sie sollten jedoch nicht den Hauptteil der Arbeit ausmachen. 

JEM Der Stellenwert der Diätologie war in der Vergangenheit ja schon größer gewesen. 

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts waren die Diätassistentinnen schon relativ stark in die Betreuung der Patienten eingebunden und sind mit Ärzten gemeinsam auf Visite gegangen. Da gibt es zum Beispiel sehr schöne Veröffentlichungen von Prof. Wenger in der Ernährungsumschau über „Beruf und Ausbildung der Diätassistentin“. Später haben Ernährung bzw. Diätetik in der Schulmedizin an Bedeutung verloren. 

JEM Lässt sich dieser Bruch mit bestimmten Entwicklungen verbinden?

Mir scheint das mit den enormen Fortschritten in der medikamentösen Therapie einhergegangen zu sein. Damit ist eine stark medikamentenlastige Medizin gekommen, der Stellenwert der Diätetik ist gesunken. Heute steht die Ernährung wieder stärker im Blickpunkt der Medizin. Da muss man auch dazusagen, dass wir heute auf einem ganz anderen Level arbeiten als früher. Es gibt Studien, man schaut sich die Evidenzen an.

JEM Sie waren zu Beginn ihrer beruflichen Tätigkeit in einem Spital angestellt und pragmatisiert, haben diesen sicheren Posten aber bald verlassen. 

Das hat auch einige Verwunderung in meinem Umfeld ausgelöst. Ich hatte aber die einmalige Chance bekommen, in einem großen Lebensmittelkonzern in der Öffentlichkeitsarbeit und Ernährungskommunikation tätig zu werden. Es war eine neue und spannende Herausforderung, viele Menschen zu erreichen zu versuchen und ich habe viel dazugelernt. Die Informationen mussten nicht nur für viele verständlich aufbereitet und praktisch umsetzbar sein, sondern immer auch wissenschaftlich basiert. Wir sind damals neue Wege gegangen – heute werden bereits Studierende auf Kommunikation und Beratungsinhalte geschult.

JEM Wissensvermittlung ist ja auch eine reizvolle Aufgabe.

Das waren schöne Erfahrungen, die ich nicht missen möchte. In dieser Zeit ist viel entstanden. Ob das Broschüren waren, Konsensusberichte oder EDV-Programme, die ich schon vor 20 Jahren mit Agenturen entwickelt habe, um die Ernährungsgewohnheiten zu analysieren und maßgeschneiderte Ernährungspläne möglich zu machen. Ich erinnere mich auch gerne an die große positive Resonanz von Konsumenten. 

JEM In Ihrer Verbandstätigkeit hat es keine Zäsur gegeben.

Den Verband habe ich nie aus den Augen verloren. Nach der Landesleitung Wien habe ich das Referat Öffentlichkeitarbeit übernommen und war im Dachverband der gehobenen medizinich-technischen Berufe vertreten. Als unsere damalige Verbandspräsidentin 1999 plötzlich zurückgetreten ist, bin ich interimistisch für ein Jahr in diese Position gerückt. 2000 wurde ich regulär gewählt und bin seither im Amt, wobei ich mich alle drei Jahre neuerlich der Wahl stellen muss.

JEM Warum sind Sie eigentlich Diätologin geworden?

Naturwissenschaften, Medizin und Ernährung haben mich immer sehr interessiert. Und da für mich der Zusammenhang von Medizin und Ernährung sehr ästhetisch und auch genussvoll ist, habe ich mich für diesen Bereich entschieden. Ich finde es sehr schön, mich in diesem Kontext mit Menschen auseinander zu setzen.

JEM In der Ernährung spiegeln sich auch sehr viele Facetten des Lebens.

Es spiegelt sich das ganze Leben, beginnend schon vor der Geburt. Über die Ernährung kann der Mensch sehr viel bestimmen. In der letzten Phase des Lebens bleibt vielleicht als letzte selbstbestimmte Entscheidung „Ich will nicht mehr essen und trinken“. Da kommen große ethische Fragen auf uns zu. Ernähren um jeden Preis? Auch damit müssen wir uns auseinandersetzen.

JEM Sie befinden sich auf einem Karrierelevel, den nicht viele Menschen erreichen. Wie weit sind Ihre Ziele gesteckt?

Ich habe weitere Ziele für den Studiengang Diätologie und für die Entwicklung des Berufes. Zwar hätte ich mir nicht träumen lassen, dass wir doch relativ rasch gewisse Dinge erreichen, wir sind aber noch lange nicht am Horizont. Den gibt es glaube ich auch gar nicht, es gibt immer Dinge zu verbessern oder Neues zu tun. Derzeit stehen jedenfalls die Professionalisierung des Berufs und die Positionierung unserer interdisziplinären Tätigkeit in der Öffentlichkeit ganz oben auf unserer Arbeitsliste.

JEM Was bedeutet die Arbeit an der FH für Sie persönlich?

Ich empfinde es als eine sehr schöne Aufgabe, und es passt auch sehr gut zu meinem Karriereverlauf, junge Menschen für diesen Beruf zu begeistern. Ein wichtiges und großes Ziel von mir ist übrigens auch die Förderung der internationalen „Diätologencommunity“. Das betrifft sowohl die Verbandsebene als auch die FH. Da bieten wir die Möglichkeit, internationale Erfahrungen in Praktika zu sammeln – vor kurzem erst sind drei Studentinnen aus Indien, Singapur und Bangkok zurückgekommen. In Zukunft sind auch Auslandssemester geplant. 

JEM Sie reisen gerne?

Ich war immer sehr neugierig auf andere Kulturen und Länder. Urlaubsreisen habe ich damit verbunden – und mache das auch heute noch – Kollegen und Kolleginnen zu besuchen, um deren Situation und Arbeitsweise kennenzulernen. Dadurch bekommt man neue Zugänge und Anregungen für Weiterentwicklungen in der Heimat. 

JEM Nächstes Jahr findet der Ernährungskongress des Verbandes zum 30. Mal statt – immerhin die größte wissenschaftliche Veranstaltung zu Ernährung und Diätologie in Österreich. 

Wir waren die ersten und auch international gesehen unter den ersten, die das Thema Ernährung in seinen vielen Facetten in Kongressen aufgegriffen und etabliert haben. Mittlerweile tut sich in diesem Bereich ja sehr viel. 

JEM Man könnte auch sagen, es gibt einen Hype.

Den Hype um die Ernährung sehen wir mit gemischten Gefühlen. Auf der einen Seite ist es natürlich positiv, dass das Bewusstsein für Ernährung gestiegen ist. Auf der anderen Seite treibt er schon seltsame Blüten, etwa in Form pathologischer Verhaltensformen wie einem überbordenden Kontrollbedürfnis über die aufgenommenen Nahrungsmittel. Weiters fühlen sich immer mehr dazu berufen, trotz Fehlens einer adäquaten Qualifikation als „Coach“, „Trainer“ oder „Berater“ im Bereich Ernährung tätig zu werden. Das kann gefährlich werden. Die gesetzlichen Regelungen bieten da nicht immer ausreichenden Schutz. De facto finden sich die Klienten und Konsumenten heute nicht mehr zurecht.

JEM Übergewicht, Adipositas und Folgeerkrankungen werden auch nach wie vor mehr.

Es ist sehr schwierig, die notwendigen Verhaltens- und Lebensstiländerungen zu erreichen, um das zu verhindern. Dafür brauchen wir eine sehr kluge Strategie. Wir müssen meiner Ansicht nach stärker hinterfragen, welche Maßnahmen und Kampagnen wirklich effektiv sind und welche Art der Kommunikation hier wirkt.

JEM Herzlichen Dank für das Gespräch.

 

Autor: K. Gruber

Redaktion