Das rätselhafte Verhalten des Homo sapiens bei der Nahrungsbeschaffung

Zwei Symposien haben sich im Frühjahr in Wien mit dem höchst widersprüchlichen Verhalten in Zusammenhang mit Ernährung beschäftigt. Das forum.ernährung heute (fe.h) wählte am 5. Juni das Motto „Markt. Wert. Wahrnehmung. Was ist Essen wert?“, das Österreichische Akademische Institut für Ernährungsmedizin (ÖAIE) am 14. Juni den Titel „Was essen wir wirklich?“. In der Folge sind einige Aspekte herausgegriffen, einzelne Themen werden in den nächsten Ausgaben des Journals für Ernährungsmedizin detaillierter behandelt.

Es ist wohl keine Zufall, dass beide Veranstaltungen ein Fragezeichen im Titel hatten. Eine gewisse Ratlosigkeit und Verunsicherung macht sich breit, und das nicht nur beim Gros der Konsumenten, sondern auch unter ausgewiesenen Ernährungsexperten, die seit Jahrzehnten versuchen, den Anstieg von ernährungs(mit)bedingten Erkrankungen zu stoppen. Nicht nur das zeigt, wie empfindlich das Verhältnis zum Essen gestört ist, sondern auch eine Reihe weiterer Phänomene wie die unglaublichen Mengen von Lebensmitteln am Müll oder die Diskrepanz zwischen Erwartungen der Verbraucher und (monetärer) Wertschätzung. Martin Haiderer, Gründer der Wiener Tafel, beim fe.h-Symposium zum Wertewandel von Nahrungsmittel in den Industriestaaten: „Wurden Lebensmittel lange als kostbares Geschenk der Natur erlebt, die das Überleben sichern, entwickelte sich Nahrung durch die sogenannten grüne Revolution und die Industrialisierung der Landwirtschaft zu einem Konsum- und Industrieprodukt ohne ideellen Wert.“ Es kann zwar als erfreulich betrachtet werden, dass der Anteil der Ausgaben für Lebensmittel am Haushaltseinkommen von rund 50% in den 1950er Jahren auf rund 10% gesunken ist, hat aber seinen Preis.

Dr. Christian Kreuzer vom Controller-Institut in Wien weist darauf hin, dass Wertbeiträge zur Wertschöpfungskette häufig nicht gerecht abgegolten werden, z.B. die niedrigen Löhne in Entwicklungsländern. Weiters sollte der Verbrauch von Ressourcen wie Abholzung oder CO2-Belastung im Preis abgebildet sein. Es sei klar, dass zusätzliche Kosten letztlich vom Endkunden zu bezahlen seien bzw. von den schwächsten Gliedern der Wertschöpfungskette, wenn der Preisdruck von den Endkunden groß genug ist. Jedenfalls gehe dies zwangsläufig zu Lasten von Werten bei der Herstellung von Lebensmitteln.

Hauptsache, es schmeckt

Die starke Präsenz von Fragen der Ernährung in Medien und Teilöffentlichkeiten dürfte insoferne etwas täuschen, als für den Großteil der Konsumenten vor allem eines zählt: Es muss schmecken. Was im Essen drin ist und wie es da hinein gekommen ist, ist den meisten egal, erklärte die Wiener Motivforscherin Dr. Helene Karmasin im Rahmen des ÖAIE-Symposiums. Inhaltsangaben werden erst gar nicht gelesen. Und man will auch nicht wirklich wissen, wie die Nahrungsmittel produziert worden sind.

Aber vielen ist es dann doch nicht so ganz egal. Die beteiligten Mechanismen umreißt Prof. Dr. Ulrich Nöhle, Lebensmittelchemiker, „Interimsmanager“ und an der TU Braunschweig tätig. Nicht-Wissen führt zu Unsicherheit. Unsicherheit, die nicht aus den Dingen selbst erwächst, sondern aus Meinungen über die Dinge, erzeugt Angst. Das Unbehagen wird von Medien aufgegriffen, die zu Grunde liegenden Umstände so dramatisiert, dass sie möglichst „griffige“ Schlagzeilen ergeben. Kein Wunder, dass die Sehnsucht nach dem Paradies so präsent ist, auch wenns um Essen geht.

Heile Welt inbegriffen

Wird mit einem Lebensmittel die Illusion einer heilen Welt mitgeliefert, ist das den Konsumenten einiges wert. Dr. Kreuzer sieht den Mehrwert bei Lebensmitteln, also der Differenz zwischen Herstellungskosten und erzieltem Preis, überhaupt im emotionalen Bereich. Man zahlt also nicht nur für das Produkt allein, sondern ganz wesentlich für das Gefühl das es vermittelt: „Zur Steigerung des Preises ist es notwendig, nicht nur den reinen Nutzwert zu kommunizieren, sondern das Produkt emotional aufzuladen“. Auf die Frage, ob der Konsument betrogen werden will, antwortet Prof. Nöhl: „Teilweise ja“.

Anspruch versus Verhalten

Im Bereich der Lebensmittel findet sich eine Doppelmoral wie in vielen anderen Bereichen. Wir haben enorme Ansprüche, aber zum Diskonttarif. Wir fordern ‚mehr Bio‘, ‚ohne Gentechnik‘, ‚ohne Kinderarbeit‘, ‚Fair Trade‘ und vieles mehr. Wir sind für den Tierschutz, wollen auf das billige Schnitzen aber nicht verzichten. Die Umsätze bei Diskontern sind in der jüngeren Vergangenheit überproportional gestiegen – in Deutschland zum Beispiel werden 40,7% der Lebensmittel bei Diskontern gekauft. Der Anteil von Bio-Lebensmitteln liegt in Deutschland bei 4%, bei Fair-Trade-Produkten sind es weniger als 0,5%.

„Wir wollen ins Paradies, aber nicht zu Fuß“, resümiert Prof. Nöhle und zitiert eine Untersuchung des Meinungsforschungsinstituts GfK, die zwar aus dem Jahr 2008 stammt, deren Ergebnisse aber wohl auch heute einen grundsätzlichen Anspruch auf Gültigkeit haben dürften: Der Aussage „Bei Lebensmitteln bevorzuge ich Bioprodukte“ stimmen insgesamt 21,2% der Konsumenten zu, aber nur 3,1% der Ausgaben für Lebensmittel entfallen auf Bio-Produkte. Der Aussage „Ich kaufe umweltverträgliche Wasch- und Putzmittel“ stimmen insgesamt 46,0% der Konsumenten zu, aber nur 5,4% der Ausgaben in diesem Bereich entfallen auf diese Produktgruppe.

Neue Skandale

Aus dem Trend zur „heilen Welt“ und dem Trend zu einem generellen Misstrauen gegenüber industriell hergestellten Lebensmitteln hat sich quasi eine neue Art von „Lebensmittelskandal“ entwickelt, nämlich die Wirklichkeit. Die rechtskonforme industrielle Lebensmittelherstellung würde per se bereits als „skandalös“ angesehen, weil sie von der in Marketing und Werbung vermittelten idyllisierten (und von Konsumenten durchaus erwünschten) Vorstellung der Produktion abweichen.

Ein „echter“ und dabei gigantischer Skandal liegt in dem Ausmaß, in dem Lebensmittel am Müll landen. Wie eine Analyse des World Resources Institute, United Nations Environment Programme (UNEP) und der Food and Agriculture Organization (FAO) ergeben hat, wird insgesamt jede vierte Kalorie, die der Ernährung dienen könnte, nicht dazu verwendet. DI Felicitas Schneider vom Institut für Abfallwirtschaft der BOKU Wien bringt dazu Zahlen aus aktuellen Studien. Demnach schätzt die FAO den Verlust an genießbaren Lebensmitteln weltweit auf rund 30%, was 1,3 Milliarden (!) Tonnen Lebensmittel entspricht. In industrialisierten Ländern liegen die Gründe vor allem in falschen Deutungen des Mindesthaltbarkeitsdatums, marktplitischen Bedingungen (z.B. Vermarktungsnormen), Marktpreisen (sind diese zu gering, wird erst gar nicht geerntet), Anforderungen an die Frische von Produkten, Überangebot, Aktionspolitik und mangelnde Werthaltung. In Entwicklungsländern liegt es meist an fehlender Infrastruktur (z.B. Mangel an Kühlhäusern, trockenen Lagerräumen, Transportmitteln).

Neue Ideen, neue Wege

Martin Haiderer konstatiert eine gewisse neue Wertigkeit von Nährstoffen, die primär von der Zivilgesellschaft getragen wird. Dazu zählen Organisationen wie eben die Wiener Tafel, die an die 12.000 Armutsbetroffene in 85 Sozialeinrichtungen versorgt, indem rund 400 Freiwillige Nahrungsmittel von Handel, Industrie, Märkten und Landwirtschaftsbetrieben abholen, um sie zu verteilen. Bio-Kisterln, Ab-Hof-Verkäufe, Bio-Sortimente des Handels zeugen ebenfalls von neuer Wertschätzung wie Guerilla-Gardening oder Gemeinschaftsgärten. Bis zur letzten Konsequenz gehen Menschen, die sich dem Produktions- und Verteilungssystem gänzlich verweigern und sich als „Waste Diver“ von Lebensmitteln aus dem Müll ernähren. Der promovierte Astrophysiker Albert Washüttl tut das seit sechs Jahren. Er sieht diesen Weg freilich nicht als „die“ Lösung der bestehenden globalen Probleme, sondern als vorläufige Möglichkeit. Denn „Es gibt kein rechtes Leben im falschen“, sagt der Vertreter einer Postwachstumsideologie.

Es ist auch nicht anzunehmen, dass die industrielle Produktion von Lebensmitteln eines Tages obsolet werden könnte. Für diesen Bereich sieht Prof. Nöhle einen wichtigen Ansatz für Auswege aus dem derzeitigen Dilemma in einer neuen – durch die modernen Medien stark geprägten – Art der Kommunikation: „Die Lösung dieser Ungereimtheiten wird uns nur gelingen, wenn der Verbraucher, beginnend im Vorschulalter und endend im hohen Alter, offen, sachgerecht und kontinuierlich über die hochentwickelte industrielle Herstellung der Lebensmittel, wie auch über andere Artikel wie Textilien, Bedarfsgegenstände, Kosmetika, richtig und wertefrei informiert wird. Der technische Fortschritt, von dem wir alle profitieren, muss klar und offen dargelegt werden.“

 

K. Gruber

Redaktion