Mehr als Babynahrung

Der Mediziner Christopher Mayr ist Geschäftsführer von Milupa Österreich und Leiter des Nutricia Forums für Muttermilchforschung. Was Milupa außer Babynahrung sonst noch macht, erzählt er im Gespräch mit dem Journal für Ernährungsmedizin.

JEM Sie sind Mediziner und seit mehr als zehn Jahren bei Milupa. Warum ausgerechnet Babynahrung?

Mayr Es gibt wohl kaum etwas Schöneres, als Babys beim gesunden Großwerden zu unterstützen. Zudem war mir die Kombination aus Wissenschaft und Menschenführung, die mit dieser Position verbunden ist, sehr reizvoll erschienen – und das ist es bis heute auch geblieben. Wir haben in unserem Unternehmen ein sehr gut eingespieltes und motiviertes Team.

JEM Nach dieser Zeit kann man auch schon einen kleinen Rückblick machen.

Wichtig erscheint mir unter anderem die Kontinuität, die wir in der Zusammenarbeit und im Austausch mit Fachkreisen erhalten konnten. Die enge Kooperation mit Kinderärzten, Ernährungswissenschaftlern, Hebammen und anderen Fachkräften zeichnet Milupa meiner Ansicht nach auch aus.

JEM Und was hat sich in dieser Zeit verändert?

Die Schwerpunkte haben sich deutlich verlagert. Vor 15 oder 20 Jahren hat man noch versucht, die Muttermilch möglichst gut nachzuahmen. Das ist uns ja auch gut gelungen und darauf sind wir auch stolz. Aber je mehr wir geforscht haben, umso deutlicher haben wir erkannt, dass Muttermilch niemals gänzlich nachgebaut werden kann. Da sind die individuellen Unterschiede einfach zu groß. Mittlerweile kennt man z. B. an die Tausend verschiedene langkettige Kohlenhydrate in der Muttermilch, die sich je nach Blutgruppe unterscheiden.

JEM Welchen Weg hat man dann eingeschlagen?

Wir haben unsere Forschung dahingehend orientiert, dass wir versucht haben zu ergründen, was die Muttermilch im Kind bewirkt – und das tun wir noch immer. In der Folge haben wir Nahrungen konzipiert, die diese Wirkungen nachahmen, etwa die bifidogene Flora fördern. Erreichen konnten wir das mit speziellen langkettigen Kohlenhydraten (GOS/FOS), die patentiert sind und zu denen wir  sehr viel publiziert haben.

JEM Bei den langkettigen mehrfach ungesättigten Fettsäuren, den LCP, haben Sie eine Vorreiterrolle eingenommen.

Wir haben die LCP in der Muttermilch entdeckt und waren die ersten, die Säuglingsnahrung mit LCP hergestellt haben. Das war vor rund 20 Jahren. Heuer werden die LCP wahrscheinlich EU-weit verpflichtend für Säuglingsnahrung gemacht.  

JEM Wie wirkt sich die Übernahme von Milupa durch den Danone-Konzern vor acht Jahren aus?

Mir steht dabei natürlich die Forschung besonders nahe, die ganz eindeutig an Potenzial gewonnen hat. Vor eineinhalb Jahren wurde die gesamte Forschung der Bereiche Babynahrung und medizinische Ernährung in einem neuen, hochmodernen Forschungszentrum in Utrecht konzentriert. Das ist ja auch sinnvoll, denn die Grundlagen der Ernährung von Kindern und von alten oder kranken Menschen haben viele Gemeinsamkeiten (Die Marke Nutricia gehört ebenfalls zum Danone-Konzern; Anm. d. Red.). Im interdisziplinär besetzten Forschungszentrum Utrecht arbeiten bis zu 400 Ernährungswissenschafter, Biologen, Biotechnologen, Mediziner und andere Wissenschafter.

JEM Warum braucht man eigentlich so viele Mediziner, um Säuglingsnahrung herzustellen?

Entwicklungen wie eine Kaiserschnittrate von 25 Prozent oder eine Frühgeborenenrate von bis zu zehn Prozent – in Österreich sind es sechs bis sieben Prozent – bringen neue und spezielle Anforderungen mit sich, die sich nur mit einem medizinisch-wissenschaftlichem Ansatz erfüllen lassen. Abgesehen davon verlangt die EFSA für die Zulassung eines neuen Claims doppelblinde, placebokontrollierte Studien. Für Lebensmittelhersteller ist es wirklich ein großer Schritt, das zu bewerkstelligen.

JEM Was zeichnet sich für die Zukunft noch ab?

Wir haben unseren Blickwinkel wesentlich erweitert. Wir fokussieren nicht mehr allein auf die Herstellung von Säuglingsnahrung auf höchstem Niveau, sondern stellen uns ganz generell die Frage, was wir beitragen können, damit Kinder von Anfang an gesund und gut ernährt aufwachsen und damit den Grundstein für die spätere Gesundheit legen. Deshalb widmen wir uns den berühmten „ersten 1000 Tagen“, die wie man weiß ja in der Schwangerschaft beginnen. Und wir unterstützen das Stillen aktiv.

JEM Welche Aktionen setzen Sie da konkret?

Zum einen bekennen wir uns zum WHO-Code für die Vermarktung von Säuglingsnahrung, der zum Schutz des Stillens die Werbung für Säuglings- und Einsernahrung klar regelt. Zum anderen wollen wir Forschung und Wissenstransfer zur Muttermilch fördern. Dazu haben wir vor etwas mehr als zwei Jahren das Nutricia Forum für Muttermilchforschung gegründet, dessen Wissenschaftspreis uns schon viel Ansehen gebracht hat. Und schließlich bringen wir Produkte auf den Markt, die das Stillen unterstützen. In Österreich wird ein Produkt für Stillende voraussichtlich ab Mai erhältlich sein.

JEM Worum handelt es sich dabei?

Dabei handelt es sich um ein wissenschaftlich wirklich spannendes Produkt: Ein Probiotikum für Stillende, das bei bakteriell bedingten Brustbeschwerden in hoher Konzentration über 21 Tage genommen wird. In einer Studie publiziert konnte gezeigt werden, dass Frühformen der Mastitis auf diese Weise therapiert werden können. Das Produkt enthält einen speziellen Stamm von Lactobacillus salivarius, der über das Lymphsystem in die Brustdrüse gelangt und dort Pathogene verdrängen kann.

JEM Wie sind Sie auf dieses Produkt gekommen?

Wir haben eine Umfrage unter Müttern gemacht, um herauszufinden, warum Frauen früher als ursprünglich geplant mit dem Stillen aufhören. Mehr als ein Drittel hat angegeben, dass sie länger stillen würden, wenn es eine wirksame Behandlung gegen Mastitis gäbe, die zugleich mit dem Stillen verträglich ist.

JEM Wie sehen Sie die aktuelle Situation nach dem Stillen bzw. nach sechs Monaten?

In den ersten zwölf Monaten ist die Ernährung der Kinder in Österreich nahezu optimal. Es gibt praktisch keine Defizite. Die Beikostrichtlinie ist durch die neueste Überarbeitung wesentlich einfacher und klarer geworden. Ich bin überzeugt davon, dass sie sich auch bald durchsetzen wird. Nach dem ersten Lebensjahr bzw. bei der Ernährung von Kleinkindern ist die Situation allerding wieder viel verworrener. Viele Frauen sind verunsichert.

JEM Milupa bietet Müttern auf verschiedenen Ebenen Kontaktmöglichkeiten an.

Diese Angebote werden sehr gut angenommen, wir werden von 500 bis 600 Müttern pro Monat kontaktiert, sei es per Telefon, E-Mail oder Chats. Diese Zahlen und die Tatsache, dass wir bei Umfragen im Vergleich zu anderen Care-Lines immer sehr gut abschneiden, spiegeln meiner Ansicht die Kompetenz unseres Teams wider. Die Anfragen von Müttern werden von Ernährungswissenschaftlerinnen und Hebammen bearbeitet und beantwortet, die alle selbst auch Mütter sind.

JEM Wie erklären Sie sich den heute bestehenden großen Informationsbedarf der Mütter zur Ernährung ihrer Babys?

Durch das steigende Bewusstsein über die Wichtigkeit einer gesunden Ernährung besteht auf Seiten der Eltern großer Informationsbedarf. Hier spielen natürlich sehr viele Faktoren mit, die Unsicherheit in Fragen der Ernährung generell scheint aber ein Zug der Zeit zu sein. Einerseits steht ein Überangebot von Informationen zur Verfügung, andererseits haben die Experten – seien es Ärzte, Hebammen oder andere – zwar durchaus das Wissen, aber oft nicht die zeitlichen Ressourcen, um den Müttern Orientierungshilfe zu bieten.

JEM Haben Sie als Mediziner noch besondere Anliegen?

Das sind sicher unsere Spezialprodukte für die Allerkleinsten. Die Frühgeborenen sind in den vergangenen Jahrzehnten ja immer jünger geworden, mit der 22. Schwangerschaftswoche scheint nun ein Limit erreicht zu sein. In der Ernährung dieser Kinder hat sich in den vergangenen Jahren sehr viel getan, wozu auch wir mit unserer Forschung nicht unwesentlich beitragen konnten. Es hat sich gezeigt, dass man die parenterale Ernährung möglichst früh beenden sollte, um die Entwicklung des Darmes zu fördern. Dabei hat sich dann herausgestellt, dass der Eiweißbedarf der Kinder enorm ist – noch wesentlich höher, als bisher angenommen. Hier reicht eine normale angereicherte Nahrung bei weitem nicht aus. Gemeinsam mit der Charité in Berlin konnten wir ein spezielles Eiweißkonzentrat entwickeln, mit denen ein gutes Wachstum dieser Kinder erzielt werden kann.

JEM Ein aktuelles Erfolgserlebnis?

Es ist uns gelungen, als  weltweit erstes Land eine teilfermentierte Säuglingsnahrung in Österreich auf den Markt zu bringen. Das neue Produkt vereint im Wesentlichen zwei Konzepte: Fermentation und Prebiotik. Die Kombination aus beiden Prinzipien hat eine synergistische Wirkung auf den Verdauungstrakt und unterstützt somit eine ausgeglichene Verdauung und Babys Wohlbefinden. Wir konnten den internen Wettbewerb für uns entscheiden – und auch darauf sind wir als Team sehr stolz.

JEM Gratulation und herzlichen Dank für das Gespräch!

 

Bio-Box

 

  • Geboren und aufgewachsen in Schardenberg (OÖ)
  • Medizinstudium in Wien
  • Freude an Fortbildung, wie die Kürzel MBA und MAS hinter seinem Namen verraten
  • Nach einigen Jahren in der Pharmaindustrie Wechsel zu Milupa
  • Verheiratet, vier Kinder

 

 

Redaktion