Verborgener Hunger

Ein ernährungsbedingte unzureichende Versorgung mit Mikronährstoffen, auch als Hidden Hunger oder Verborgener Hunger bezeichnet, betrifft bei weitem nicht nur arme Länder. In zunehmendem Ausmaß ist das Problem auch in industrialisierten Ländern präsent, vor allem bei Kindern und alten Menschen. Univ.-Prof. Dr. Hans Konrad Biesalski von der Universität Hohenheim (D) setzt sich seit Jahren mit der Problematik auseinander.

Es heißt, verborgener Hunger nimmt zu. Warum?

Der Hauptgrund für verborgenen Hunger ist Armut. Das betrifft in zunehmendem Maß auch reiche Industriestaaten. Wir haben das lange übersehen. Das Gefälle zwischen Reich und Arm nimmt zu, der Mittelstand bricht nach unten weg. In Deutschland leben heute 20 Prozent der Menschen in Armut. Und Ernährung einer besseren Qualität beziehungsweise einer ausreichenden Dichte an Mikronährstoffen ist eben teurer. Mit mehr Obst und Gemüse ist es nicht getan. Für eine hochwertige Ernährung ist mehr notwendig, etwa Milch und Milchprodukte, auch tierisches Protein und hochwertige Öle.

Ein Thema Ihrer Tagung im März lautete „Double Burden“, auch der im Oktober stattfindende FENS-Kongress steht unter diesem Motto.

Wenn man in Mitteleuropa heute von Mangelernährung spricht, wird als Gegenargument meist auf das zunehmende Übergewicht verwiesen. Aber das eine schließt das andere nicht aus. Wie werde ich mit wenig Geld satt? Im Wesentlichen mit stärkehaltigen Produkten. In afrikanischen und einigen asiatischen Ländern machen stärkehaltige Produkte 70 Prozent und mehr der täglichen Energieaufnahme aus. In Deutschland und anderen Nationen mit höherem Durchschnittseinkommen lag der Anteil stärkehaltiger Produkte lange bei 30 bis 50 Prozent, steigt mittlerweile aber. Das ist besorgniserregend.

Reis, Mais und Weizen liefern zwar Energie und Eiweiß, aber nur in geringen Mengen einige wenige Mikronährstoffe wie Eisen, Zink, Vitamin C, B2 und andere B-Vitamine. Man wird satt, entwickelt aber einen verborgenen Hunger. In der Folge sehen wir immer mehr stark übergewichtige Kinder, die deutlich mangelernährt sind. Es liegt nicht nur am Fast Food, das trägt dazu bei wie auch die Soft Drinks. Aber allein daran liegt es nicht. Natürlich spielt auch die Bewegung eine Rolle.

Adipositas ist in sozioökonomisch schwachen Schichten häufiger als in starken.

Aus den USA und Großbritannien liegen dazu sehr gute Daten vor. In Deutschland wurden nur wenige Untersuchungen gemacht, die der Frage nachgehen, ob geringes Einkommen Folgen für die Ernährung und damit die Gesundheit hat. Aus den vorliegenden Untersuchungen geht jedenfalls hervor, dass die Häufigkeit von Übergewicht bei armen Kindern dreimal größer ist als bei Kindern aus guten sozialen Verhältnissen.

Die gesundheitlichen Auswirkungen von Adipositas sind vieldiskutiert, wie sehen die Folgen verborgenen Hungers aus?

Eine Mangelernährung im frühen Kindesalter beeinträchtigt sowohl die körperliche als auch die kognitive Entwicklung. Eine US-amerikanische Studie hat vor kurzem sehr schön gezeigt, dass Körpergröße und Schichtenindex bzw. sozioökonomischer Status insofern miteinander in Beziehung stehen, als Menschen, die aus armen Verhältnissen kommen, kleiner sind. Eine Studie in Brandenburg kommt zu dem Ergebnis, dass Kinder aus armen Verhältnissen entgegen dem sichtbaren Trend, kleiner werden. Das ist ein ganz starker Hinweis auf Mangelernährung in der Kindheit. Wir brauchen Eisen, Vitamin D und A unter anderem auch für die Entwicklung des Gehirns. Es ist bekannt, dass Kinder aus armen Verhältnissen 15-mal häufiger Verzögerungen in der Sprachentwicklung aufweisen. Das liegt nicht primär am Umfeld, sondern an einer ernährungsbedingt verzögerten kognitiven Entwicklung.

Was soll und kann hier und jetzt für Kinder getan werden?

Wir fordern seit Jahren eine kostenlose Schulernährung für Kindertagesstätten und Ganztagsschulen. Jetzt wird das in Berlin als erstem Bundesland eingeführt. Die skandinavischen Länder machen das seit 30 Jahren, und nirgendwo sonst in Europa wachsen Kinder so gesund auf wie in Schweden, Norwegen, Finnland und auch in der Schweiz.

Wichtig ist glaube ich ein Umdenken der Politik und als Basis eine Erhebung, wie es in der ärmeren Bevölkerung mit Ernährung und Übergewicht aussieht. Es ist nicht hilfreich, mit Zuckerverboten zu jonglieren. Und es geht auch nicht darum, dass die Kinder Supplemente oder angereicherte Lebensmittel nehmen sollen. Sie sollen in die Lage versetzt werden, eine gesunde Ernährung finanzieren zu können. Dann werden sie auch nicht übergewichtig – zumindest nicht häufiger als in anderen Gruppen.

Im Allgemeinen bin ich bei Kindern absolut gegen eine Supplementierung von Mikronährstoffen, ausgenommen Vitamin D. Es gibt zwar relativ viele Fälle, wo die Ernährung nicht ausreicht, um zum Beispiel den Zink- oder den Eisenbedarf zu decken. Über eine Supplementierung ist aber individuell vom Kinderarzt zu entscheiden. Das Problem dabei ist allerdings, dass die Präparate relativ teuer sind.

Alte Menschen werden als zweite Risikogruppe genannt.

Ein normal gesunder Erwachsener kann sich auch mit einem geringeren Einkommen gesund ernähren. Ein gravierendes Problem tritt später mit der zunehmenden Altersarmut auf. Dazu kommt, dass der alte Mensch weniger isst. Deswegen sollten laut der Deutschen Gesellschaft für Ernährung auch Lebensmittel mit höherer Mikronährstoffdichte, die durchaus eine höhere Energiedichte haben können, bevorzugt werden. Bei Geldmangel ist das aber schwierig. Laut Pflegebericht sind in deutschen Altenheimen bis zu 60 Prozent der Bewohner mangelernährt. Das ist nicht hinnehmbar.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

Redaktion